Wolkenfestung

11. Juli 2005, 14:01
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Ewige Wolken verhüllen die Flanken des Tengger-Massivs auf Java. Gunther Neumann wagte sich an den Rand des Bromo-Kraters

Gegen die Morgenkälte vermummte Burschen verkaufen bunte, zu reizvollen Büscheln gebundene Bergblumen als Opfergabe für den schnaubenden Gott unten im Bromo-Krater. Bromo ist Brahma: der Schöpfergott des hinduistischen Pantheons. Beißende Schwefeldämpfe steigen aus dem Erdinneren: Schöpfung, Leben und Tod in Form von Feuer, erkalteter, von Erosion tief zerfurchter Asche und Schlackekegeln. Zaghaft sprießt neues Grün aus den Flanken der majestätischen Vulkane des Tengger-Bromo-Massivs.

Aus den schwülen, dunstigen Reisebenen Ostjavas ist das Vulkanmassiv selten zu sehen: Ewige Wolken verhüllen seine Flanken - und verstecken damit seit Jahrhunderten das Rückzugsgebiet der letzten Hindu-Buddhisten Javas. Der Islam ist - wiewohl vermischt mit Hinduismus und altem Mystizismus - die vorherrschende Religion Javas. Allah aber, der arabische Wüstengott ohne fixe Wohnstatt, ist fern.

Javas alte Götter hingegen hatten immer ihren Platz, ihre ewige Heimat - die Vulkane. Und sie sind präsent. Meist berechenbar, mit Wohlverhalten und Opfern zu besänftigen. Manchmal bedrohlich grollend, gelegentlich mit vehementen, todbringenden Ausbrüchen zürnend. Und doch waren und sind sie bis heute eine nie versiegende Quelle des Lebens: An ihren Flanken regnen die Wolken ab, lösen fruchtbaren Dünger aus den vulkanischen Sedimenten.

Jahrtausendelang haben die Menschen Südostasiens die feuchten, fruchtbaren Hänge akribisch terrassiert und damit bis zu drei Reisernten pro Jahr ermöglicht. Wie nebenbei fanden sie Zeit für die Entwicklung differenzierter Hochkulturen. Angelockt von den Reichtümern der Inseln kamen seit alters her indische Seefahrer an die Küsten Javas, brachten die hinduistischen Götter, später den Buddhismus, die sich mit dem lokalen Geisterpantheon vermischten. Javas Reiche kontrollierten bald den Großteil des heutigen Indonesien - und schufen majestätische Tempelanlagen wie den Borobodur in Zentraljava, das größte buddhistische Heiligtum der Welt.

Um das Jahr 1500 kam der Islam - zunächst mit indischen und arabischen Händlern, dann mit dem Schwert. Das letzte hindu-buddhistische Königreich von Majapahit unterlag im 16. Jahrhundert. Dessen Elite - Prinzen, Hofstatt und Künstler - flüchtete auf die kleine Nachbarinsel Bali und brachte dort die altjavanische Kultur zu neuer Blüte. Doch nicht alle Hindus flohen oder nahmen die Religion Mohammeds an: Weitgehend unentdeckt überlebte der Hinduismus auf Java selbst - zurückgezogen und versteckt im Tengger-Vulkanmassiv, einer spektakulär schönen Bergwelt - isoliert und ohne Kontakt zur weiter blühenden hinduistischen Außenwelt auf Bali.

Die Bergwelt, die Dörfer der Tenggeresen harren der Entdeckung. Mit dem Jeep (oder auf dem Pferd) geht es zunächst zehn Kilometer vorbei am Bromo und anderen bizarren Vulkankegeln, durch das "Sandmeer", die aride Mondlandschaft einer jahrtausendealten Caldera. Nach einer Stunde Fahrt, erst durch unbewohnte Wüste, dann Grassteppe und schließlich von schwarzen Affen bevölkerten Bergwald taucht unvermittelt Ranopani auf. Das Tenggerdorf liegt malerisch auf 2200 Metern, am Fuße des aktiven Semeru, des höchsten Bergs Javas (3670 Meter hoch). Die Flanken der zerklüfteten Täler um das Dorf sind minutiös mit Gemüse, Kartoffeln, Maniok und Mais bebaut. Für den Reisanbau liegt es zu hoch.
Auf einer Anhöhe, abseits der staubigen Straße, der alte Dorftempel - verfallen. Am Dorfrand, idyllisch an einem See, erhebt sich ein neues, aus Vulkanstein und -asche errichtetes Heiligtum, beschattet von bunten Schirmen, erbaut unter Anleitung und Hilfe balinesischer Priester. Die herrschende Staatsideologie Indonesiens anerkennt Balis Hinduismus als eine der fünf Religionen des Archipels, nahm aber die Existenz von Andersgläubigen auf der zentralen, mehrheitlich islamischen Hauptinsel Java nicht zur Kenntnis.
Seit kurzem ist "Agama Buddha" bzw. "Agama Hindu", die hindu-buddhistisch-animistische Religion der Tenggeresen, offiziell akzeptiert. Nun drängt der Islam auch in die Bergwelt. Ranopane hat heute eine kleine Moschee. Doch Javas alte Kultur, deren mystische Erfahrungen und toleranter Synkretismus waren für Fundamentalismus bislang kaum empfänglich. Noch ist das Tengger-Bergland mit seinen etlichen Zehntausend freundlichen Hindus eine abgehobene, einzigartig schöne und kaum entdeckte, urzeitliche Festung über den Wolken. (Der Standard/rondo/26/09/2003)

Info: Von Denpassar/Bali mit Garuda oder Merpati nach Surabaya. Oder via Jakarta. Ausgangsbasis: Besser geeignet zur Entdeckung der Kultur- und Landschaftshöhepunkte Ostjavas als die verschmutze Millionenstadt Surabaya ist das klimatisch angenehme Malang im Landesinneren (zwei Stunden mit dem Taxi, ca. € 20). Dort bieten sich Unterkünfte aller Preisklassen, inklusive wunderbarer Hotels in kolonialer Architektur und mit perfektem javanischem Service an. Etwa das Tugu im geschäftigen Zentrum oder das ruhige Graha Cakra inmitten eines altniederländischen Villenviertels. Die Hotels organisieren Touren oder Mietwagen zum Sonnenaufgang an den Bromo-Kraterrand.

Gunther Neumann leitet die Konferenzdienste und das Protokoll der OSZE. Der frühere Südostasien-Korrespondent unternimmt auch heute noch regelmäßig Reisen in diese Region.
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    Das Tengger-Vulkanmassiv

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