Freaky Neuburger

30. November 2005, 14:14
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Legenden pflastern seinen Weg: Er wurde von der Donau angeschwemmt, gehört eigentlich zu den Burgundersorten und ist eh nicht wirklich aufregend . . . Alles nicht wahr!

Genau genommen hat Neuburger - weiße heimische Rebsorte, nicht der Leberkäse - nicht einmal ein schlechtes, sondern gar kein Image. Wenn sie ihn anbiete, höre sie nicht selten ein ratloses "Oh Gott, . . . lieber nicht", erzählt Dagmar Gross, Diplomsommelière und Fan der Rebsorte. Vielleicht liegt es auch daran, dass man mit einem schick über einen Bartresen genäselten "Sauvignon Blanc!" etwas mehr herzumachen scheint als mit einem simpel klingenden "Neuburger". Tatsache ist aber auch, dass Weintrinker, die seine Vorzüge genossen haben, erfreut mit "feine Sorte" reagieren. Und jene Winzer, die sich eingehender mit diesem Wein befassen, überzeugt sind, dass er "einiges kann". Fest steht auch, dass Neuburger, weil schwer zu verkaufen, tendenziell eher gerodet als neu ausgepflanzt wird und "ein Wein für Freaks" bleiben wird, wie es Gross auf den Punkt bringt.

Neuburger gehört nicht zu den aromatischen Sorten, die aus dem Glas springen und "Trink mich!" schreien. Massenhaft trifft man ihn als leichteren, trockenen und im Allgemeinen wenig aufregenden Heurigenwein, der ob seiner dezenten Säure schon einmal als "milder Seniorenwein" angepriesen wird. In hohen Qualitätsstufen aber, und nach drei, vier und mehr Jahren Reifedauer entwickelt er seine wahren Vorzüge: ein höchst attraktives, vielschichtiges, nussiges Aroma, mit dem er an frischen Nusskuchen erinnert, und eine feine Mineralität, die ihm eine sehr burgundische Anmutung verpassen. Alles in allem aber eben eine Stilistik, die nicht gerade dem entspricht, womit man es hierzulande weißweinmäßig am liebsten zu tun hat: nämlich Jugend, Frucht & Säure.

"Er mag einen eher kargeren Boden mit der richtigen Balance", erzählt Karl Alphart, der sich in Traiskirchen eingehend mit der Sorte befasst. "Bei ordentlicher Ertragsreduzierung bringt er dann eine schöne Terroirnote und ein feines Säure-Zucker-Spiel." Fast schon eine Legende kreierte Matthias Beck vom Golser Weingut Beck 1993 mit dem weißen Pannobile, einem penibel selektionierten, reinsortigen Neuburger. Heute ist der "Pannobile weiß" des Hauses eine spannende Cuvée mit einem immer noch deutlichen (zwischen 15 und 20 Prozent) Anteil von Neuburger, der "das Schmalz" gibt, wie Tochter Judith Beck erklärt, die heute für die Kellerarbeit verantwortlich ist.

Da man hierzulande der Legendenbildung nicht abgeneigt ist, ranken sich um die Herkunft des Neuburgers die fantasievollsten Geschichten. Einer Version zufolge wurde während des Dreißigjährigen Kriegs der Kommandant eines schwedischen Kampf-Verbandes dafür, dass er nicht gebrandschatzt hatte, vom Weißenkirchener Bürgermeister mit Neuburger beschenkt. Nach einer anderen Historie schwamm ein Bündel Reben in der Donau und landete prompt bei Oberarnsdorf in der Wachau. Die Winzer Ferstl und Macherndl haben das seinerzeit als wertvoll erkannt und ausgepflanzt. Von dort aus kamen die Rebstöcke nach Spitz und wurden hinter der neuen Burg am Tausendeimerberg ausgepflanzt - daher der Name. Succus aus alledem - und darauf deuten auch die Rebsorten-Forschungen von Ferdinand Regner, Abteilung Rebzüchtung der Höheren Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein-und Obstbau Klosterneuburg, hin: Sein Ursprung liegt aller Wahrscheinlichkeit nach in der Wachau, jedenfalls im östlichen Österreich.

Verbrieft ist mittlerweile, dass Neuburger eine natürlich entstandene Kreuzung aus Silvaner und Rotem Veltliner ist, zwei Rebsorten, die im 19. Jahrhundert in ostösterreichischen Weingärten stark verbreitet waren. Sogar die angeschwemmten Rebenbündel sind durchaus erklärbar, so Herwig Kaserer von der bereits erwähnten Abteilung in Klosterneuburg, da früher Stecklinge zum Anwurzeln ins fließende Wasser gelegt wurden. Und da könne sich schon einmal etwas losreißen. Jedenfalls wird damit im gleichen Aufwaschen eine weitere Legende widerlegt, nämlich dass Neuburger zu den Burgundersorten gehört oder verwandt ist, was ihm ob seiner - sowohl optisch als auch geschmacklich - burgundischen Anmutung gerne angedichtet wurde. Und was sich vielleicht als "Grüner Burgunder" auch weitaus zugkräftiger vermarkten ließe als die weniger edle Wahrheit.

Heute ist er vor allem in Nordburgenland, in der Thermenregion und in der Wachau zu finden. In der Thermenregion ist er die wichtigste Weißweinrebsorte, im nördlichen Burgenland gibt's die größten Flächen, fast 450 ha sind mit Neuburger bepflanzt. Und in der Wachau führt er bei einigen Produzenten ein Nischendasein in der begehrten Smaragdklasse. Denn, so Franz Gritsch vom Mauritiushof in Spitz kurz und bündig: "Je höher die Qualität, desto deutlicher der Sortencharakter." (Der Standard/rondo/Luzia Schrampf/26/09/03)

Weingüter mit empfehlenswerten Neuburger-Weinen:

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