Serien tapen

3. Oktober 2003, 00:31
posten
++PRO
von Martin Grabner

"Wir haben doch schon so viele Videokassetten. Kann man da nicht ein paar davon überspielen?" Auf solche Vorschläge reagiere ich empfindlich. Die bespielten sind tabu. Immerhin nehme ich seit Jahren unersetzbare Kinofilme auf und vor allem die Serien, die auf keinem Kanal mehr gespielt werden. Im Fernsehen werden gerade alle 115 Folgen "Ally McBeal" wiederholt. Eine gute Gelegenheit, sie alle aufzuzeichnen. Mit 24 neuen Videokassetten ist man dabei. Das Aufnehmen selbst gehört bald zum täglichen Morgenritual. Zähneputzen, Kaffeemaschine an, Fernsehzeitung hernehmen, Show-View-Zahlen eintippen. Fünf Folgen passen auf eine Kassette, danach wird sie genau beschriftet und nach Datum, Staffel, Folge archiviert.

Zu den wirklich unpassendsten Momenten heißt es dann zu Hause: "Wir könnten doch ein paar Folgen Ally anschauen." "Tut mir Leid, heute geht's nicht, es ist doch Champions-League im Fernsehen, außerdem sind sie ja archiviert, die laufen uns nicht davon."

Und dann, eines Morgens, der Blick in die Zeitung, keine Ally mehr! Aus, die letzte Staffel ist vorbei, ein Gefühl der Leere entsteht. Dem täglichen Morgenritual fehlt Entscheidendes. Als gäb's mit einem Mal keinen Kaffee mehr auf der Welt. Nirgendwo eine Kultserie, die es wert ist, aufgenommen zu werden. Doch dann kommt "24". Dafür braucht man nur die vergleichsweise läppische Anzahl von sechs Leerkassetten. Das Tapen, Archivieren, Sammlung-Besitzen geht weiter. Gesehen habe ich zwar noch nicht viel davon (siehe Ally), aber jetzt kommen ja bald wieder die grauen, nebligen Novembertage, da schau' ich mir sicher ein paar Folgen an. Ganz sicher.

***

CONTRA--
von Doris Priesching

Ja! Ja! Ich geb's ja zu! Ich gebe zu, dass ich unlängst - ausgerechnet - den "Pro"-Autor genau darum gebeten habe, wogegen ich jetzt sein soll, nämlich eine Fernsehserie auf Videokassette aufzunehmen. Es betraf "24", und egal, ob es sich nun um den lang- oder möglicherweise doch den kurzweiligsten Tag im Leben des CTU-Agenten Jack Bauer handelt: Die Neugierde zwingt mich dazu, ich will dabei sein, wenn dieser Tag sein Ende hat. Allerdings: Beim Videotapen bin ich hoffnungslose Chaotin. Ich leide sogar darunter.

An und für sich bin ich nämlich recht ordnungsliebend. Aufgepatzte Joghurts säuern auf meinem Schreibtisch grundsätzlich nur zwei, maximal drei Tage vor sich hin; daheim achte ich darauf, dass zusammengelegte Handtücher feinsäuberlich mit dem Bug links im Schrank sortiert sind. Im Umgang mit Videokassetten bin ich aber allen Selbstdisziplinierungsmaßnahmen zum Trotz heillos überfordert. Bei Serien mit fortlaufender Handlung wird das endgültig fatal, was dazu führt, dass einmal zwei Folgen fehlen, ein andermal, dort, wo sich Jack Bauers achte Stunde finden soll, plötzlich "Malcolm mittendrin" auftaucht. Ich habe längst resigniert. Ich weiß, man könnte die Tapes beschriften. Manchmal tue ich das sogar.

Abgesehen von diesen rein persönlichen Gründen gibt es aber doch einen allgemein gültigen, warum man getrost auf's Aufnehmen verzichten kann: Fernsehsender haben nämlich ein Faible dafür, einmal Gezeigtes immer wieder abzuspielen. Wozu sich also die Mühe machen? (Mein geschätzter "Pro"-Autor möge die letzten Zeilen bitte ganz schnell vergessen.) (Der Standard/rondo/26/09/2003)

  • Artikelbild
Share if you care.