Tödliches Jahr für Motorradfahrer

3. Oktober 2003, 13:33
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2003 droht ein Horrorjahr für Motorradfahrer zu werden - seit zehn Jahren gab es nicht mehr so viele Zweiradtote

Hauptgrund für Unfälle: Die Biker überschätzen sich. Die schwierigen Straßenbedingungen im Herbst könnten den Blutzoll weiter steigern.

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Wien - Die große Freiheit auf zwei Rädern hat heuer schon 103 Motorradfahrern das Leben gekostet. Die schlechteste Unfallbilanz seit zehn Jahren droht, wird gewarnt. Ob der Herbst die Statistik noch verbessern kann, ist unsicher, witterungsbedingt drohen dann neue Gefahren.

421-mal musste die Exekutive bis zum vergangenen Wochenbeginn Unfälle mit getöteten oder verletzten Bikern protokollieren. Besonders tragisch war die Arbeit Ende Juni und Ende Juli: Sieben Tote pro Woche waren zu beklagen. Im August ging die Zahl der tödlichen Crashs dann leicht zurück, nichtsdestotrotz gab es bisher um 19 Tote mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Das Traumwetter des vergangenen Sommers war mit ein Grund, dass mehr der rund 300.000 in Österreich zugelassenen Motorrädern ausgeführt wurden. Der stärkere Verkehr sei aber nur ein Grund für die steigenden Unfallzahlen, glaubt Michael Praschl von der Sicherheitsinitiative "Bikers Project". Die Lenker würden auch unvorsichtiger, glaubt er. "An den heißen Wochenenden war wieder verstärkt zu beobachten, dass Leute mit T-Shirt und kurzer Hose auf schweren Maschinen unterwegs waren. Aus Sicht der Sicherheit natürlich eine Katastrophe."

Rund zwei Drittel aller Unfälle werden von den Motorradfahrern verursacht, in 25 bis 30 Prozent der Fälle tragen unvorsichtige Autolenker die Schuld, erläutert Praschl. Der klassische Motorradunfall seiner Erkenntnis nach: überhöhte Geschwindigkeit in einer Linkskurve mit anschließendem Aufprall auf der rechten Straßenhälfte.

Gefahr gleich verteilt

Den klassischen Unglückspiloten gibt es dagegen nicht: "Wir registrieren zwar eine gewisse Häufung bei jüngeren Fahrern, viele sind aber auch zwischen 35 und 44 Jahren alt", meint der Experte. Auch mit der Fahrpraxis muss das nicht unbedingt zusammenhängen: "Manchmal wird zwar behauptet, dass die Älteren Wiedereinsteiger seien, aber in den Todesanzeigen in Motorradzeitschriften finden sich auch Erfahrene, die ums Leben gekommen sind." Die Gefahr scheint tatsächlich groß zu sein: Nur ein Drittel aller Motorradfahrer landet nach Studien nie im Spital.

Mit Sorge beobachtet man beim Bikers Project auch den Trend zur stärkeren Motorleistung. "Es steht in jedem Fall fest, dass mehr PS schwerere Verletzungen bedeuten. Ob auch die Menge der Unfälle steigt, lässt sich dagegen nicht eindeutig belegen." Die Initiative wünscht sich eine Änderung der Philosophie und verstärkte Kooperation mit der Industrie: "Wir müssen weg von dem Trend, Motorradfahren mit hoher Geschwindigkeit und Sport in Verbindung zu bringen", meint Praschl.

Für die letzten Ausfahrten im Herbst appelliert man an die Biker, kein zu hohes Risiko einzugehen. Denn die Umstände können widrig sein: Blätter und Schmutz machen die Straßen rutschig, die tief stehende Sonne kann zu Blindfahrten führen. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2003)

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