Acht Raube, sieben Messer

25. September 2003, 22:09
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Wien - Vor dem Gerichtssaal weinen eine ältere und zwei junge Frauen - Tariks Mutter, seine Schwester und seine Freundin. Daneben gibt der Verteidiger dem Angeklagten, geduldet vom Wachebeamten, letzte Anweisungen: "Sie sagen, dass Sie das getan haben, Sie geben alles zu, und es tut Ihnen Leid!" Tarik (22) nickt. Er ist fesch angezogen und aufgekratzt, als würde er gleich bei "Starmania" vorsingen. Zwischen den Handschellen raucht eine Zigarette. Die Mama küsst ihn noch einmal und wischt ihm die Tränen von der Wange.

Drinnen erzählt er dem Richter, dass er Maler und Anstreicher gelernt, zuletzt Zivildienst gemacht und noch bei den Eltern gewohnt hat. "Haben Sie ein Vermögen?" - "Einen Kredit", erwidert Tarik. "Also negatives Vermögen", sagt der Richter. Damit das Kriminelle nicht völlig ohne Hintergrund dasteht, erklärt der Anwalt den Geschworenen: "Seine türkischen Eltern sind schon seit 30 Jahren hier, sprechen aber kein Wort Deutsch. Obwohl er von Geburt an Österreicher war, wird er von den Österreichern nicht so ganz akzeptiert."

Außerhalb der Schule bildeten sich Banden. Da hatte Tarik versucht, auf der Seite der Stärksten zu sein. "Ich war leider im falschen Freundeskreis", glaubt er. Von Marihuana kam er über Ecstasy zu Kokain und hielt bei Heroin, als ihm auch das gestohlene Geld vom Vater ausging. Das waren 6000 Euro, die gesamten Ersparnisse. Der Vater erstattete Anzeige, die er zurückzog, als sich herausstellte, dass es der Sohn war. "Damals hat er 48 Kilo gewogen", erwähnt der Anwalt: "Heute hat er 60." Die U-Haft tut Drogensüchtigen manchmal gut.

Ein besonders falscher Freund soll im Heroinrausch "scheußliche Fotos" von ihm gemacht und ihn erpresst haben. "Meine Eltern haben das nicht sehen dürfen, so kennen sie mich nicht", sagt er. Die Mutter in der zweiten Besucherreihe schluchzt jetzt wieder lauter.

In vier Monaten hat er dann unter dem Druck seiner Gläubiger neun Raubüberfälle begangen und dabei 7200 Euro erbeutet, von denen kein Cent übrig blieb. "Achtmal Firma Schlecker, sieben Messer, ein Versuch", fasst der Richter zusammen. Der Staatsanwalt erwähnt noch die brutalen Umstände: "mit dem Umbringen bedroht", "an den Haaren gerissen", "Schläge versetzt". - "Es tut mir Leid", entgegnet Tarik. Der Prozess geht heute weiter. (DER STANDARD, Printausgabe 25.09.2003)

Von Daniel Glattauer
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