Freiwillig geht man nur, wenn man muss

1. Oktober 2003, 15:03
posten

Regierung neu bei nächster Gelegenheit

Wien - Wie lange Elisabeth Pittermann-Höcker noch Gesundheitsstadträtin ist, scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein. Rücktrittsgerüchte mehren sich. Erste Namen renommierter Mediziner geistern durch das Rathaus, der Zeitpunkt wird erörtert. Aber Pittermann wird vorerst im Amt bleiben.

Aus zwei Gründen: Erstens wird keine Stadträtin - und sei sie in Sachen Kommunikationspolitik und Krisenmanagement noch so ungeschickt - geopfert, wenn die Opposition lautstark danach brüllt. Da rückt die SPÖ-Familie schon zusammen und sitzt die Krise rund um Pflegemissstände in mehreren Betreuungseinrichtungen der Stadt aus. Diese Methode wurde schon im ersten Lainz-Skandal 1989 erprobt: Der damalige Stadtrat Alois Stacher wurde ebenfalls in der Krise gehalten, erst Monate später trat er zurück.

Zweitens gibt es zu ihr noch keine Alternative. Es hat in hinterer Reihe niemand Ambitionen, ein politisches Amt in einem krisenanfälligen Ressort zu übernehmen, respektive wissen politische Köpfe, wie Peter Hacker als neuer Chef des Fonds Soziales Wien, welche Macht man als Verwalter eines Milliardenbudgets hat.

Pittermann war bei der Regierungsbildung 2001 nicht erste Wahl. Sie wurde Stadträtin, weil in ihr günstige Umstände zusammentreffen: Frau, Ärztin, mütterlicher Typ, Funktionärserfahrung, Tochter des ehemaligen SPÖ-Bundesvorsitzenden Bruno Pittermann. Das passte ins rote Wien. Gute Imagewerte bestätigten die Wahl.

Politisches Talent hat sie nur in Maßen geerbt, sie ist mehr eine politisierende Ärztin geworden. Verabsäumt hat sie, für sich Lobbying zu betreiben und ein Kommunikationsnetzwerk aufzubauen. Ihre Beamten stößt sie mit Misstrauen und Sprunghaftigkeit regelmäßig vor den Kopf. Wohl fühlt sich die frühere Internistin am Hanusch-Krankenhaus unter ihresgleichen - Ärzten.

Und schließlich ist da Bürgermeister Michael Häupl, der ihr zwar derzeit den Rücken stärkt, aber zu dessen innerstem Führungskreis sie nie Zutritt hatte. Das hat schon früher eine Finanzstadträtin entnervt. Häupl soll auf Pittermann "heiß" sein, so wie sie seit Monaten die Fettnäpfchen findet. Er warte darauf, sie ohne Druck wegloben zu können. Bei einer Regierungsumbildung könnte er auch Isabella Kossina (Umwelt) und Andreas Mailath-Pokorny (Kultur) loswerden. Sollte ihm Pittermann die Brücke eines freiwilligen Rücktritts bauen, wird er sie wohl betreten. (DER STANDARD, Printausgabe 25.09.2003)

von Andrea Waldbrunner
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann-Höcker

Share if you care.