Kommentar der anderen: Schüblinge im Krankenhaus

26. September 2003, 18:50
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Skandal Altenpflege: Plädoyer für die Abschaffung des Procuratio-Verfahrens

In den Krankenhäusern warten Hunderte Patienten auf die "Proc" (Procuratio) - jenes Verwaltungsverfahren, das einen Behandlungsfall in einen Pflegefall verwandelt, mit allen Konsequenzen.

"Pflegefälle" - in Wien eine der häufigsten Aufnahmediagnosen: Patienten nach einem Schlaganfall, die nie mehr rehabilitiert werden können; nach einem Sturz mit Schenkelhalsfraktur ihr Bett nicht mehr verlassen; im Endstadien der Demenz oder Alzheimer-Erkrankung ihren Namen vergessen haben und ihre Verwandten nicht mehr erkennen. Auf manchen internen Stationen sind mehr als die Hälfte aller Patienten Fälle für die "Proc". Von den Ärzten ungeliebt, weil unbehandelbar oder ausbehandelt, bringen sie durch ihr Siechtum Schwestern, Pfleger und ratlose Verwandte zur Verzweiflung, weil sie mit wochenlangen Wartezeiten auf den Pflegeplatz die teuren Spitalbetten blockieren und durch die quälende Perspektivlosigkeit ihrer Erkrankung den medizinischen Alltag verdüstern.

Die Proc-Fälle sind die "Schüblinge" im Krankenhaus. Entlassungsversuche, gelegentlich brachial, führen nur zur Drehtürmedizin, Interventionen an höherer Stelle beschleunigen das Verfahren in die Endstation Unterbringung.

Hartherzig...

Die Procuratio verlangt das Einverständnis des Betroffenen zu seiner Teilentmündigung, soweit er rechtsfähig ist und zur Einsicht in seine Gebrechlichkeit gezwungen werden kann - ein demütigendes Verfahren: Denn Procuratio heißt in den allermeisten Fällen, nie mehr ins eigene Heim zurückzukehren, Selbstständigkeit und Gewohnheiten für immer aufzugeben, auf die Verfügung über Pension und Ersparnisse zu verzichten und zur unheilbaren Krankheit auch noch den Verlust an Freiheit und Würde zu erleiden.

Nach der Proc herrscht medizinisch, sozial und bürokratisch - von den Vorzeigeprojekten einmal abgesehen - eine Schattenwelt mit ihrer latenten Grausamkeit schleichender Vernachlässigung: Ärztliche Diagnose, konsequente Therapien werden weniger dringlich, der Aufwand lohnt sich nicht; wer auf Hochtechnologie oder Spitzenmedizin abonniert ist - und das sind die meisten Ärzte -, lässt sich im KAV die Kontingente aus der Aufnahmestation reduzieren, klagt über Gangbetten, pflegt den Lobbyismus oder erholt sich im Kongresstourismus. Die Pfleglinge und ihre Pfleger haben nur eine schwache Lobby: Sie sind allein gelassen, ausgebrannt und unbedankt, Schon im neurologischen Gebrechen verdämmert die Kommunikation in Stereotypien und Perseverationen, bis sie abbricht; der Hospitalismus des Pflegeheims verstärkt die Gettobildung. Oft kann echte Hilfe so wenig verlangt wie geleistet werden, unaufhaltsam erscheint die schleichende Zerstörung des Verhaltens.

"Frau G. stößt beim Füttern den Löffel, mit dem ihr der Brei gegeben wird, immer wieder weg; sie reißt an ihrem Harnkatheter, bis sie blutet und kotet nach dem Windelwechsel ein . . . sie schreit hilflos und sinnlos stundenlang, ohne Verzweiflung; wer das nicht kennt, findet es gespenstisch." Das Aufflackern ungezielter Lebensgeister macht die Zustände erst recht so boshaft, wie sie sind.

Die Zustände sind allen Beteiligten, Verantwortlichen wie Betroffenen, jahrelang bekannt; von "Potemkinschen Dörfern" (Pittermann) kann keine Rede sein. Gerade jenen sozialen Institutionen, die besonders auf Perspektive, Ideenreichtum, Veränderung angewiesen wären, wenigstens aber auf eine stabile Personalausstattung und solide Finanzierung, auf Offenheit, Solidarität und Empathie, droht durch Personalmangel, Budgetbeschränkung, Deckelung, Verfall bis in die Bausubstanz und Demotivierung durch fehlenden gesellschaftlichen Respekt die Entkernung von ihrem Auftrag.

Vorauseilender Gehorsam, Angst und Unterwürfigkeit, die schleppende Bürokratie, die sich mit "so tun als ob" zufrieden gibt, Taubheit gegen Warnung und Widerspruch, Ignoranz und Arroganz: Liesl Pittermanns geschmackloser Ausruf im Falter-Interview, "Ich will ins Heim!", kann nur politisch gemeint sein; einige ihrer Beamten sollten sie begleiten. Tatsächlich handelt es sich bei den Zuständen im Pavillon I des Lainzer Pflegeheims nur um die Spitze eines Eisbergs:

... und entwürdigend

Durch Unwissenheit, Inkonsequenz oder Unterlassung bekommen Patienten häufig die falsche oder keine Therapie; über dem Gesundheitswesen kreist mit dem Pleitegeier auch die Gier nach nackter oder versteckter Privatisierung; der Pflegeberuf ist seit Jahrzehnten akademisch unterbewertet und in der Hierarchie unterbelichtet; ganze Berufsgruppen des Sektors Medizin befinden sich auf der Flucht vor dem Patienten.

Das ganze Procuratio-Verfahren ist unwürdig, menschenverachtend und fördert nur den Frust, die Aussteuer und Gettobildung. Der hartherzigen Verwaltung physischen und sozialen Elends muss auf allen Ebenen Einheit geboten werden!

Die Altenpflege ist selbst ein Pflegefall; der Skandal daran ist vor allem, dass ein jahrelang bekannter Zustand so spät ans Licht der Öffentlichkeit gerät. (DER STANDARD, Printausgabe 25.09.2003)

Von Thomas Meisl
Internist in Wien; er gründete im Wilhelminenspital die Fachabteilung für Nephrologie, die er bis Dezember 2002 ärztlich leitete.
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