Staat als Pfleger für die Alten überfordert

1. Oktober 2003, 15:03
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Die Pflegeheime sind zu groß, mehr private Konkurrenz würde die Qualität stärken, meint Gerhard Gäbler, Rektor des evangelischen Diakoniewerkes, im Gespräch mit Markus Rohrhofer.

Standard: Wenn Sie von Missständen im Geriatriezentrum "Am Wienerwald" hören, was geht Ihnen da durch den Kopf?

Gäbler: Wenn es zu so tragischen Missständen kommt, muss vorher über Jahre ganz viel passiert sein. Das Pflegepersonal muss überfordert gewesen sein oder den Sinn in der eigenen Arbeit verloren haben. Die Folge sind menschenverachtende Zustände.

Standard: Wer soll Ihrer Meinung nach zur Verantwortung gezogen werden?

Gäbler: Jetzt von Schuld und Verantwortung zu sprechen ist sehr schwer. Die Verantwortlichen in der Politik haben es verschlafen, Anfang der 90er-Jahre dementsprechende Konsequenzen aus "Lainz 1" zu ziehen.

Standard: Wie hätten diese aussehen sollen?

Gäbler: Nach den damaligen Morden den Betrieb trotz allem als Großbetrieb mit rund 7000 Betten weiterzuführen war und ist völlig unverständlich. In Zimmern mit bis zu sieben Menschen geht eine einzelne Persönlichkeit sehr leicht unter. Es müssen die Grundstrukturen verändert werden - weg von den staatlichen Großeinrichtungen hin zu dezentralen Betreuungseinrichtungen. Der Arbeitsansatz muss sich verändern: weg von der reinen Pflege hin zu mehr Orientierung im Alltag und den individuellen Bedürfnissen der Menschen.

Standard: Das heißt mehr Privatisierung?

Gäbler: Neben einheitlichen Bundesstandards und einer Ausbildungsoffensive muss es in der Zukunft auch im Pflegebereich "weniger Staat - mehr Privat" heißen. Mehr private Heime und weniger öffentliche Hand heißt verstärkte Konkurrenz. Diese wirkt sich bestimmt in einer Steigerung der Qualität in der Arbeit aus. Derzeit sind von 700 Einrichtungen nur zehn Prozent in privater Hand - Das Angebot muss also breiter werden, lieber drei kleinere Betreuungsplätze mit jeweils 40 Menschen als einen mit 120.

Standard: Sie sitzen im Vorstand eines gemeinnützigen Vereines mit 381 Wohnplätzen und 470 Beschäftigungsplätzen für behinderte Menschen, 271 Wohnplätzen für Senioren, drei Krankenhäusern mit insgesamt 308 Betten. Angst vor Missständen in den eigenen Reihen?

Gäbler: Natürlich gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Es ist uns aber gelungen, Strukturen auch für die Qualitätssicherheit zu schaffen, in denen neben Pflege und Betreuung auch individuelles Menschsein möglich ist.

Standard: Reicht die derzeitige Ausbildung, werden angehende Pfleger auf die Belastungen ausreichend vorbereitet?

Gäbler: Grundsätzlich ja. Wir werden aber weiter intensiv mithelfen, das Image des Altenbetreuers aufzupolieren, das heißt, drei Jahre Ausbildung statt zwei, ein Abschluss mit Diplom, noch bessere Fachhochschulangebote.

Standard: Es ist also alles eitel Wonne in Oberösterreich?

Gäbler: Dass alles perfekt ist, wäre übertrieben, aber verglichen mit anderen Bundesländern sieht die Situation in Oberösterreich sehr gut aus. (DER STANDARD, Printausgabe 25.09.2003)

Zur Person:
Gerhard Gäbler wurde 1943 in Fürnitz/Kärnten geboren. Er studierte Evangelische Theologie, 1970 folgte die Ordination zum Pfarrer. 1974 übernahm er die Leitung des Behindertenbereiches im Diakoniewerk. Seit 1981 ist er Rektor des Diakoniewerkes in Gallneubkirchen. F.: Diakonie
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