Wo die Walzerwürfel fallen

24. September 2003, 18:21
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Stefan Ender

Hans Knappertsbusch hatte den Auffälligsten: Mit ihm organisierte der ungern Probende Brucknersche Klangprächtigkeiten, erweckte das Wohligkeitspotenzial Brahmsscher Seitenthemen zu klingendem Leben, wühlte sich durch Wagners Sehnsuchtsszenerien. Etwas kürzer, jedoch nicht weniger elegant und spinnenbeinfein jene der Maestri Toscanini, Strauss, Furtwängler und Böhm.

Herbert von Karajan hatte den kürzesten Taktstock: kaum länger als die Essstäbchen beim Chinesen, mit einem dicken Plastikkopf am Griffende. Doch nicht nur die gestischen Hilfsgeräte der berühmtesten Takt- und Stimmungsgeber der Wiener Philharmoniker sind in deren Museum im ersten Stock des Hauses der Musik zu bewundern und zu entdecken, den interessierten Besucher erwarten gleich daneben stimmungsvoll und themenweise drapierte Bouquets diverser Memorabilien des Klangkörpers.

So bewundert man originale Programme von Uraufführungen kanonisierter Klassikwerke wie etwa Bruckners zweiter Symphonie, betrachtet Dokumente der ersten, 1922 angetretenen Südamerika-Reise unter Felix von Weingartner, sieht Zeugnisse der ersten Welttournee, die 1959 mit Herbert von Karajan unternommen wurde.

Im Eck steht der Frack von Karajans Antipoden Leonard Bernstein seinen Mann. So zentral wie neu wie unterhaltsam ist im Philharmoniker-Museum die eindrucksvolle, von einer Großbildleinwand dominierte Apparatur des "WalzerWürfelSpiels". Sie ermöglicht es dem Besucher, sich seinen eigenen Walzer zu erwürfeln und diesen dann sofort interpretiert zu hören. Wie das? Nun: Pro Walzer hat man achtmal zu würfeln, viermal für die Melodie- und viermal für die Begleitstimme.

Die jeweils zweitaktigen, untereinander uneingeschränkt kompatiblen Bausteine fügen sich dann zu einer achttaktigen heiteren, der klassischen Harmoniefolge Tonika-Subdominante-Dominante-Tonika verpflichteten Sequenz, welche nach Fertigstellung von einer Querflöte und einem Cello dargeboten wird (samt einer dazugeschummelten zusätzlichen Cellostimme, die der Unternehmung harmonische Festigkeit verleiht). Nach vollendetem Spiel bzw. vollendeter Komposition ist es möglich, im benachbarten Raum Stimmung und Ambiente der Gründerzeit der Philharmoniker zu erleben.

Das holzgetäfelte Zimmer mit Kamin, Treppe und Vorhängen ist dem Andenken Otto Nicolais gewidmet, jenem Mann also, auf dessen Initiative das Orchester in den frühen Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, und der weiland just im Gebäude an der Seilerstätte, welches nun das Haus der Musik beherbergt, im Palais Erzherzog Carl also, Quartier bezogen hatte.

Nicolai schied nach fünf philharmonischen Jahren von seinem klingenden Kinde; nach 13 Jahren unregelmäßigen Konzertbetriebs sollte Carl Eckert anno 1860 die Philharmonischen Abonnementkonzerte ins Leben rufen und damit jene Kontinuität und jenen Erfolg in das Wirken des Philharmonischen Orchesters bringen, die dem Klangkörper bis zum heutigen Tag treu geblieben sind.

Das Museum der Philharmoniker widmet sich der Orchester- Historie und lädt auch zum Komponieren von Walzern ein.
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