Das Ohr als Schauplatz der Weltentstehung

24. September 2003, 18:21
posten

Peter Vujica

Der Mönch Salimbene von Parma (1221-1287) berichtet in seiner Chronik über eine höchst seltsame Verfügung des Hohenstaufenkaisers Friedrich II.: Er übergab mehreren Ammen eine Anzahl neugeborener Findelkinder mit dem strikten Auftrag, diese mit der größten Sorgfalt aufzuziehen. Nur eines war den Frauen strengstens verboten: In Anwesenheit der ihnen anvertrauten Neugeborenen auch nur ein einziges Wort zu sprechen, geschweige denn ein solches an sie zu richten.

Durch diese Maßnahme wollte der Kaiser nämlich herausfinden, welche Sprache es sei, in der sich der Mensch von sich aus, ohne von seiner Umgebung beeinflusst zu sein, mitteilt. Er vermutete, es könnte sich dabei um das Hebräische, das Griechische oder möglicherweise auch um Latein handeln. Die kaiserlichen Erwartungen wurden allerdings herb enttäuscht. Das pädagogische Experiment endete schon nach kurzer Zeit mit dem Tod aller Probanden.

Die Ergebnisse der jüngsten medizinischen Forschungen, vor allem jene des Franzosen Alfred Tomatis (geb. 1920) sind ganz dazu angetan, die nicht unberechtigte Skepsis, die man dem Bericht des Mönchs entgegenzubringen geneigt war, zu zerstreuen. Denn das Ohr ist mehr als die Anlaufstelle akustischer Reize, es ist das zentrale Instrument der Welterfahrung eines Individuums.

Es nimmt im menschlichen Organismus nämlich in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein. So ist es schon wenige Tage nach der Zeugung als erstes Merkmal, das sich herausbildet, am Embryo in Gestalt eines Punktes feststellbar. Und ab der Mitte des vierten Schwangerschaftsmonats ist das menschliche Ohr - weit vor allen anderen Organen - voll ausgebildet.

Dies ist auch der Zeitpunkt, zu dem es seine Funktion als erste Erfahrungsbrücke des Menschen zu seiner Um- und Außenwelt aufnimmt. Es verwandelt die eindringenden Schallwellen in elektromagnetische Signale und sendet diese an die Großhirnrinde, wodurch nach neuesten Forschungen die Ausbildung des Gehirns maßgeblich beeinflusst wird. Und es ist auch jenes Organ, das bei Sterbenden am längsten funktionsfähig bleibt.

Auch die Denkfähigkeit des menschlichen Gehirns wird keineswegs allein durch die Nahrung gewährleistet, sondern hauptsächlich durch die stimulierenden Reize, die es von den Sinnesorganen empfängt. Und diese liefert zu 90 Prozent das Ohr.

So ist es nicht verwunderlich, dass dieses Sinnesorgan schon seit längerem als Energiezentrale des Gehirns angesehen wird. Und man darf auch Salimbene von Parma glauben. Wurden die Neugeborenen doch abrupt der wesentlichen Möglichkeit ihrer geistigen und damit auch körperlichen Entwicklung beraubt.

Unter solchen wissenschaftlichen Vorgaben ist auch die Musik, die unmittelbar und in erster Linie durch das Ohr aufgenommen wird, neu zu definieren. Sie erfasst den Menschen ungleich stärker als die anderen Künste.

Lange vor Bekanntwerden dieser Forschungsergebnisse gab es bereits Bestrebungen, die Entwicklung des Menschen schon im pränatalen Stadium durch Musik zu beeinflussen. So veranstaltete der Wiener Herbert Zipper (1904-1997), der als Komponist des Dachauliedes bekannt geworden ist, schon in den 50er-Jahren in New York Musikkurse für werdende Mütter. Sie führten dazu, dass ein überdurchschnittlich hoher Prozentsatz von deren Kindern später an den ersten Pulten amerikanischer Spitzenorchester saßen.

Gegenwärtig erwägt man in Florida, werdende Mütter mit CDs für die vorgeburtliche musikalische Erziehung ihrer Kinder zu versorgen.

Dass Ungeborene schon ein ökonomisch ernst zu nehmendes CD-Publikum sind, haben auch schon Schallplattenproduzenten erkannt. EMI wartet für den Musikspaß im Mutterleib mit zwei CDs mit Music for my Baby auf und das SCA-Servicecenter mit Großen Meisterwerken für kleine Ohren. Selbstverständlich gibt es auch schon Untersuchungen über die im Embryonalstadium bestehenden ästhetischen Vorlieben:

Auf der Hitliste der Ungeborenen steht eindeutig das Wiegenlied von Johannes Brahms. Aber auch Mozart und Beethoven erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Während die kleinen Herrschaften, behelligt man sie mit Rock- oder Militärmusik, wild gegen die mütterlichen Bauchdecken strampeln.

Vielleicht, weil sie schon tanzen oder gar marschieren möchten.

Share if you care.