Noch keine Annäherung

3. Oktober 2003, 18:12
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Bush wird eine UNO-Resolution bekommen - aber keine substanzielle Hilfe im Irak - Ein Kommentar von Gudrun Harrer

US-Präsident George Bush wird eine neue Irakresolution bekommen, so viel steht fest. Aber er wird wahrscheinlich nicht bekommen, was er wirklich braucht: "Geld auf den Tisch, Stiefel auf den (irakischen) Boden", wie es der US- Experte Geoffrey Kemp im Gespräch mit dem Standard formulierte. Bei allen Schwüren der transatlantischen Solidarität, die am Rande der UNO- Vollversammlung vor, in und nach den bilateralen Gesprächen laut wurden, bei allen Freundlichkeiten: In der Substanz hat sich am Verhältnis zwischen den USA und den europäischen Kriegsverweigerern wenig geändert.

Wobei die Freundlichkeiten, die da von Bush in Richtung Gerhard Schröder flogen, manchmal die Anmutung von Watschen hatten: Die deutschen "Pazifisten" (erstens stimmt das so nicht ganz, zweitens klingt das aus Bushs Mund wie eine Krankheit) hätten Saddam Hussein eben schon immer einen guten Mann sein lassen und der wahlkämpfende Schröder erst recht. Nun, da ist natürlich etwas dran, und - apropos Verhältnis zu Saddam - man muss ja nicht unbedingt daran erinnern, dass das Jahr 1988, in dem der irakische Einsatz von Massenvernichtungswaffen stattfand, an den Bush auch diesmal wieder vor der UNO-Vollversammlung erinnerte (gemeint ist der mörderische Giftgasangriff auf die Kurden von Halabja), das Jahr der engsten amerikanisch-irakischen Zusammenarbeit überhaupt war.

Aber so weit ist man: Die von Bush hochgelobte UNO - die, folgt man seinen Worten, die Sache mit den irakischen Massenvernichtungswaffen überhaupt erst aufgebracht hat ("Der UNO-Sicherheitsrat hat Recht gehabt, besorgt über die irakischen Massenvernichtungswaffen zu sein" oder so ähnlich) - die UNO wird also eine "vitale" Rolle im Irak spielen, unter unbestrittener Führung der USA. Mit keinem Wort gab Bush zu, dass die Dinge nicht wie geplant laufen, dass die USA dringend Hilfe brauchen bei dem, was die US-Armee - die dazu kommt wie die Jungfrau zum Kind - nicht kann: Polizeiaufgaben und "nation building".

Dass er dies nicht tat, ist indes nicht weiter verwunderlich: Das US-Publikum, bei dem Bushs Beliebtheit einen Tiefststand erreicht hat, hörte mit. Da kann man keine Fehler eingestehen. Skurril war in diesem Zusammenhang jüngst ein Fernsehauftritt Bushs mit zwei irakischen Ministern (Öffentliche Arbeiten und Infrastruktur): Die "guten Seelen" hätten ihm berichtet, sagte Bush, dass sie eine "alte und müde Infrastruktur" geerbt hätten - typisch für ein zentralisiertes System unter einem Tyrannen eben. Die Millionen Amerikaner an der Ostküste, die zu diesem Zeitpunkt, drei Tage nach "Isabel", noch immer ohne Strom waren, werden das mit gemischten Gefühlen vernommen haben.

Aber zurück in die UNO: Der Performance Bushs entsprach diejenige Chiracs voll und ganz - sie war höchstens noch uneinsichtiger. Die Schwächung, die die UNO durch den Irakkrieg erlitten hat, wurde voll und ganz den USA angelastet: Frankreich selbst hat keine Fehler gemacht - wobei jeder weiß, dass das Unfug ist. Und die Forderung Chiracs nach einer Reform des UNO-Sicherheitsrates war ganz deutlich an eine geschwächte US-Regierung gerichtet - auch nicht gerade die beste Art, die UNO- skeptischen Amerikaner davon zu überzeugen, die Macht in der Organisation auf mehr Schultern zu verteilen.

Man sieht sich also wieder in die Augen - übrigens dauerte das Gespräch zwischen Schröder und Bush am Mittwoch kürzer als vorgesehen - und redet gleichzeitig weiter aneinander vorbei. Dabei hängt für beide Parteien gleich viel dran: Wenn das "Experiment" im Irak schief geht, dann werden alle die Folgen zu tragen haben, Europa mindestens so wie die USA (von der Region ganz abgesehen). Dass das Eingeständnis des jeweiligen Versagens von den großen Führern kommt, war aber vielleicht auch gar nicht zu erwarten: Das wird eher hinter geschlossenen Türen und auf einer anderen Ebene passieren. Hoffentlich bald.

(DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2003)

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