Wiener Gentherapie gegen Melanome

29. September 2003, 12:57
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15 von 100.000 ÖsterreicherInnen erkranken jährlich am schwarzen Hautkrebs - Chemotherapie wird blockiert

Wien - Eine federführend in Wien entwickelte Art von Gentherapie kann Patienten mit fortgeschrittener Melanom-Erkrankung helfen. Das geht aus den vorläufigen Daten der bisher weltweit größten wissenschaftlichen Studie hervor, die mit solchen Patienten durchgeführt wurde. In den USA ist für die neue Therapie bereits die Zulassung beantragt, erklärten Experten am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien.

"Das Melanom ist ein Killer. Die durchschnittliche Fünf-Jahres-Überlebensrate beträgt bereits 85 Prozent. Doch fortgeschrittene Erkrankungen mit Metastasen sprechen auf eine Chemotherapie nicht gut an. Tumorvakzine wirken zwar sehr gut bei Mäusen, nicht aber beim Menschen. Wir haben hier aber eine Gentherapie. Das Prinzip wurde von Prof. (Hubert) Pehamberger und seinen Mitarbeitern entwickelt", erklärte der Vorstand der Universitätsklinik für Dermatologie am Wiener AKH, Univ.-Prof. Dr. Klaus Wolff.

Immer noch am wichtigsten: Frühe Diagnose

Bei Frühdiagnose - wenn der Tumor noch dünner als 0,75 Millimeter ist - können 96 bis 99 Prozent der Betroffenen geheilt werden. Doch in einem späteren Stadium sinken die Überlebensraten drastisch ab. Univ.-Prof. Dr. Hubert Pehamberger von der Wiener Hautklinik: "Das Lebensrisiko, an einem Melanom zu erkranken, beträgt derzeit eins zu 71. Das ist enorm hoch. Im Jahr 2010 wird das Risiko des Einzelnen eins zu 50 sein. Bei Patienten im fortgeschrittenen Stadium, bei denen Metastasen aufgetreten sind, ist die mittlere Überlebensrate nicht größer als ein halbes Jahr."

Was laut dem Experten noch hinzu kommt: Neben der Chirurgie existierende Therapien haben derzeit nur wenig Effekt. Eine Strahlenbehandlung wirkt de facto nicht. Pehamberger: "Das Melanom spricht auch nicht sehr gut auf eine Chemotherapie an. Die Ansprechrate auf das Zytostatikum Dacarbazin beträgt rund zehn Prozent."

Chemotherapie ausgehebelt

Schuld daran ist ein in Melanomzellen durch das Bcl-2-Gen produziertes Protein. Es blockiert die Signalkaskade, die bei Einwirkung des Chemotherapeutikums den programmierten Zelltod (Apoptose) einleiten sollte.

Pehamberger: "Dieses Bcl-2-Gen schützt die Zelle vor dem Tod. Unsere Hypothese war: Wenn wir dieses Gen blockieren, müsste man die Wirkung der Chemotherapie anheben können."

Abhilfe durch Gentherapie

Genau das erfolgt mit dem vom US-Unternehmen Genta in Kooperation mit dem Pharmakonzern Aventis entwickelten Antisense-Medikament "Genasense". Enthalten sind künstlich hergestellte kurze Erbsubstanz-Abschnitte, welche ganz spezifisch jene Ribonukleinsäure (mRNA) blockieren, die als Bauanleitung für den Tumorzell-Überlebensfaktor (BCL-2) fungiert.

Die Wiener Wissenschafter um Univ.-Prof. Dr. Hubert Pehamberger und den in der Zwischenzeit in Kanada arbeitenden Burkhard Jansen haben ehemals die ersten Versuche an Mäusen mit dem Medikament durchgeführt. Dann erfolgte die erste Studie an Patienten - ebenfalls in Wien. Jetzt liegen die vorläufigen Ergebnisse der in zwölf Staaten, 160 Zentren (auch Wien, Graz und Innsbruck) und mit 771 Patienten durchgeführten Studie zur Wirksamkeit vor. Alle Probanden hatten eine so fortgeschrittene Melanom-Erkrankung, dass binnen kurzer Zeit mit ihrem Ableben zu rechnen war.

Vergleichsgruppen

Die Hälfte der Patienten bekam das herkömmliche Chemotherapeutikum allein. Bei der anderen Hälfte der Erkrankten gab es zuvor an fünf Tagen zusätzlich eine Infusionsbehandlung mit dem Antisense-Präparat, das die Tumorzellen für das Zytostatikum wieder empfindlich machen sollte.

Die Ergebnisse laut Pehamberger: Die durchschnittliche Zeit bis zu einem weiteren Fortschreiten der Erkrankung stieg unter der Kombinationstherapie von 49 auf 78 Tage. Die Ansprechrate auf die Chemotherapie erhöhte sich von 6,8 auf 11,7 Prozent. Diese beiden Ergebnisse waren auch statistisch signifikant. Weiters zeigte sich bei den Patienten mit Kombi-Therapie eine statistisch vorerst nicht signifikante Erhöhung der Überlebensrate um rund 25 Prozent.

Die Betroffenen

Genasense wurde bereits bei der US-Arzneimittelbehörde FDA zur Zulassung eingereicht. Sie sollte kommendes Jahr erfolgen. Ein Jahr später dürfte das auch in Europa der Fall sein. Aventis startet ein großes Studienprogramm, in dem weltweit auch die Wirksamkeit des Arzneimittels bei Prostata-, Lungen-, Brustkrebs und anderen bösartigen Erkrankungen geprüft werden soll.

In Österreich erkranken pro Jahr und 100.000 Einwohner derzeit 15 Personen an einem Melanom. Im Jahr 2001 starben 300 Menschen an der Erkrankung. (APA)

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    Die multiplen Melanome dieser vietnamesischen Frau sollen eine Folge des Agent Orange-Einsatzes der US-Truppen sein

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