Mehr als "Farbrausch": Demo-Szene zwischen Musik und Computergrafik

2. Oktober 2003, 10:39
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Boomende Subkultur arbeitet mit Software, deren Codes in Echtzeit ausgeführt werden

Sie heißen "nomad", "revolution" oder "Farbrausch" und gestalten aus elektronischer Musik, Computergrafik und Programmcode ihre eigene Kunst. Demo-Szene nennt sich die international verbreitete Subkultur - abgeleitet vom lateinischen "demonstrare" (zeigen). "Jeder Künstler will sich zeigen", erklärt der Hamburger Dierk Ohlerich, alias "chaos", der sich bei "Farbrausch" um die Programmierung kümmert.

Code in Echtzeit

Die fertigen Werke kann sich jeder im Internet herunterladen oder auf Partys erleben wie kürzlich auf der "Evoke" in Köln. Auf den ersten Blick wirken die Demos wie etwas abgedrehte Videoclips: Fantastische Figuren bewegen sich in dreidimensionalen Welten zu elektronischer Musik - mit Stilrichtungen von Psycho bis Techno. Doch bei den Demos handelt es sich nicht um Filme, sondern um Software, deren Codezeilen vom Prozessor in Echtzeit ausgeführt werden. "Man kann sehr viel mehr mit Code machen", sagt Ohlerich und zeigt als Beispiel eine Demo seiner Gruppe, die trotz einer Länge von mehr als drei Minuten nur 64 Kilobyte groß ist.

Faszination Computer

Was die Leute der Demo-Szene umtreibt, ist vor allem die Faszination, die vom Computer ausgeht. Darin liegen auch die fast schon legendären Wurzeln der Szene in den 80er Jahren. Im Wettbewerb, wer zuerst den Kopierschutz eines Computerspiels knackt, entstand das Bedürfnis, die Raubkopie gewissermaßen zu signieren - mit einem kleinen, selbst programmierten "Intro".

Goße Fan-Gemeinde

Inzwischen haben sich diese Werke längst verselbstständigt und eine große Fan-Gemeinde gefunden. Die beliebtesten Demos des Internet-Portals scene.org weisen mehr als 80.000 Downloads auf. Schwerpunkte der Szene sind Skandinavien, Deutschland, die Niederlande, Frankreich, Ungarn, Polen und die Schweiz; insgesamt sollen 10.000 bis 15.000 Menschen dazu gehören.

Musik, Grafik und Code

Eine Gruppe besteht aus mindestens drei kreativen Köpfen - zuständig für Musik, Grafik und Code. Die meisten sind zwischen 15 und 30 Jahren alt; einige bleiben aber auf Dauer von der Demo-Szene gefesselt und haben ihre Fähigkeiten in die berufliche Karriere eingebracht. So programmiert der 32-jährige Dierk Ohlerich auch Computerspiele. Bei den Demos bevorzugt er die Programmiersprache C++, dem Erfindungsreichtum sind aber keine Grenzen gesetzt.

Für viele Plattformen

So gibt es Demos auch nicht nur für den PC, sondern auch für Mac oder RISC-Computer, für die PlayStation wie für den Game Boy, für den PDA und selbst fürs Mobiltelefon. Und auch die alten Kisten wie Commodore 64, Amiga und Atari haben sich in der Demo-Szene ihre treuen Anhänger bewahrt. Für viele besteht die Herausforderung gerade darin, die dreidimensionalen Welten auch auf Plattformen hervor zu zaubern, die eigentlich gar nicht dafür gedacht sind.

Nichtkommerzielle Internet-Kultur

Schon von ihrer Herkunft her versteht sich die Demo-Szene als Teil der nichtkommerziellen Internet-Kultur. Für Partys und Wettbewerbe sind aber auch Sponsoren aus der Industrie gern gesehen - und diese erhoffen sich wiederum kreative Anstöße für ihre Geschäfte. Die eine oder andere Gruppe hat sich auch schon mal einen Auftrag aus der Werbung gesichert.

Das Künstlerische wird wichtiger

Die optimale Gestaltung des Programmcodes stellt immer eine Herausforderung dar. "Aber wir merken auch, wie das Technische zunehmend in den Hintergrund tritt und das Künstlerische wichtiger wird", sagt Ohlerich, der die Demo-Szene kürzlich auf dem Medienkunst-Festival "Ars Electronica" in Linz vorgestellt hat. Während sich dort alles um interaktive Kunst drehte und um die Verbindung von realen mit virtuellen Welten, folgt die Demo-Szene ihrem eigenen Programm - kostenlos anzuschauen nach Download im Internet.(apa)

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