Mordfall Lindh: Ex-Verdächtiger will Schadenersatz

28. September 2003, 19:26
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Anwalt des 35-Jährigen: "Schwedische Medien haben einen nie wieder gutzumachenden Schaden verursacht"

München - Im Mordfall der schwedischen Außenministerin Anna Lindh will der erste Tatverdächtige von schwedischen und ausländischen Medien Schadenersatz fordern. Die Behörden hatten den 35-Jährigen vorige Woche freilassen müssen, da sich der Mordverdacht gegen ihn als nicht stichhaltig erwies. Dabei hatten Presse und Funk Details aus seinem Leben berichtet und ihn quasi schon als Täter hingestellt.

"Vor allem schwedische Medien haben einen nie wieder gutzumachenden Schaden verursacht", sagte Anwalt Gunnar Falk dem "Focus". "Mein Mandant ist seelisch am Ende", so der prominente Anwalt weiter.

Haftentschädigung will Falk auch von den Behörden fordern. Der schwedische Medienrechtler Hans-Gunnar Axberger schätzt, dass er für die mehrtägige Haft etwa 100.000 Euro bekommen könnte. "Wenn er es geschickt anstellt, kann er von den Medien einiges mehr bekommen." Über den neuen Tatverdächtigen berichtet die schwedische Presse ebenso präzise.

Neuer Hauptverdächtiger

Der neue Hauptverdächtige soll über die Jugoslawien-Politik der schwedischen Außenministerin erzürnt gewesen sein. Die Zeitung "Aftonbladet" zitierte in ihrer Samstagsausgabe einen Freund des 24-jährigen Schweden jugoslawischer Abstammung: Als Lindh 1999 die Bombenangriffe der NATO in Serbien billigte, sei dieser "sehr getroffen" gewesen, sagte der Freund. Trotz seiner Neutralität hatte Schweden erklärt, die Angriffe seien "unvermeidlich", um der Verfolgung der Kosovo-Albaner durch serbische Truppen Einhalt zu gebieten.

Der 24-Jährige war zwei Wochen nach dem tödlichen Messerattentat auf Lindh am Mittwoch in Stockholm festgenommen worden. Er bestreitet, etwas mit dem Attentat zu tun zu haben. "Er ist ein Patriot", zitierte "Aftonbladet" den Freund. "Serbien zuerst. Er wollte bereits in den Krieg ziehen, als er 15 Jahre alt war." Der Hauptverdächtige kam in Schweden zur Welt, lebte dann aber als kleiner Bub jahrelang bei seinen Großeltern in Jugoslawien. Als er nach Schweden zurückkam, hatte er Schwedisch praktisch verlernt und tat sich schwer, sich wieder einzuleben.

Der 24-Jährige ist vorbestraft; 1997 griff er seinen Vater mit einem Küchenmesser an. Die schwedischen Ermittler sind sich den Presseberichten zufolge inzwischen recht sicher, den Mordfall bald aufklären zu können. Eine Polizeisprecherin sagte der Zeitung "Dagens Nyheter", es werde derzeit keine andere Spur mehr verfolgt. (APA)

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