Blair-Berater ließ Irak-Dossier ändern

25. September 2003, 14:44
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Jonathan Powell, enger Mitarbeiter des britischen Premiers, wird durch E-Mail belastet

London - Das umstrittene Geheimdienstdossier der britischen Regierung über das irakische Waffenarsenal ist Zeitungsberichten zufolge auf Geheiß eines engen Mitarbeiters von Premierminister Blair tatsächlich kurz vor der Veröffentlichung geändert worden. Blairs Berater Jonathan Powell habe im September vergangenen Jahres eine Schlüsselpassage umschreiben lassen, berichteten britische Zeitungen am Mittwoch.

Problem-Formulierung

Das belege eine E-Mail Powells, die dem Kelly- Untersuchungsausschuss vorliege. In der ursprünglichen Passage des Dossiers hieß es demnach, Saddam Hussein werde chemische und biologische Waffen nur zur Verteidigung einsetzen. In der E-Mail vom 19. September 2002 an John Scarlett, den Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses, habe Powell die Formulierung als "Problem" bezeichnet, weil sie Kriegsgegnern Argumente liefern könne.

Bereits auf dem Weg in die Druckerei

Powell schrieb demnach: "Ich denke, dass die Aussage auf S. 19, dass 'Saddam bereit ist, chemische und biologische Waffen einzusetzen, wenn er glaubt, dass sein Regime bedroht ist' ein ziemliches Problem ist." Obwohl der Bericht bereits auf dem Weg in die Druckerei gewesen sei, habe Powell auf eine Änderung gedrängt, berichteten die Zeitungen weiter.

Saddam ist bereit ...

"Ich denke, Sie sollten den Absatz umformulieren", habe Powell in seiner E-Mail an Scarlett geschrieben. In der fünf Tage später veröffentlichten Version war dann demnach zu lesen: "Saddam ist bereit, chemische und biologische Waffen einzusetzen, einschließlich gegen seine eigene Schia-Bevölkerung".

Beamter informierte Kelly

Der Untersuchungsausschuss hat am Mittwoch seine Beweisaufnahme abgeschlossen. Als letzte Zeugen wurden BBC-Vorstandschef Gavin Davies sowie ein direkter Vorgesetzter Kellys im Verteidigungsministerium befragt. Der Beamte Bryan Wells teilte dabei mit, er habe den Waffenexperten David Kelly in einem kurzen Anruf über Mobiltelefon davon unterrichtet, dass sein Name an die Presse gegeben worden sei. Das Gespräch über die schlechte Leitung aus einem Eisenbahnzug habe nur 46 Sekunden gedauert.

Kelly nahm sich Mitte Juli das Leben

Kelly, ein früherer UNO-Waffeninspektor, hatte sich Mitte Juli das Leben genommen, nachdem sein Name als Quelle für einen umstrittenen BBC-Bericht über die Massenvernichtungswaffen des Irak genannt worden war. Der Ausschuss zur Aufklärung der Hintergründe seines Selbstmordes war von Premierminister Tony Blair eingesetzt worden.

Abschlusserklärung am Donnerstag

Der Ausschussvorsitzende, Lordrichter Brian Hutton, will am Donnerstag eine Abschlusserklärung abgeben. Unter seiner Leitung hatte der Ausschuss seit dem 11. August mehr als 60 Zeugen befragt, darunter auch Premierminister Tony Blair und Verteidigungsminister Geoff Hoon. Ein endgültiger schriftlicher Bericht Huttons wird bis Ende des Jahres erwartet.(APA/AP/dpa)

  • Blairs Berater Jonathan Powell wies in einem Mail an John Scarlett, den Vorsitzenden des 
Geheimdienst- ausschusses, auf "problematische" Formulierungen des Irak-Dossiers hin.
    montage: derstandard.at

    Blairs Berater Jonathan Powell wies in einem Mail an John Scarlett, den Vorsitzenden des Geheimdienst- ausschusses, auf "problematische" Formulierungen des Irak-Dossiers hin.

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