Die Wahrheit ist die Wahrheit des anderen

21. September 2003, 20:15
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Im Roman "Die befreite Braut" schildert der israelische Autor Abraham B. Jehoschua das Zusammenleben der Juden und Araber im heutigen Israel

In seinem meisterhaften jüngsten Roman "Die befreite Braut" schildert der israelische Autor Abraham B. Jehoschua das Zusammenleben der Juden und Araber im heutigen Israel. Anlässlich eines Besuchs in Wien sprach er mit Cornelia Niedermeier.


Wien - In seinen Romanen konfrontiert der israelische Autor Abraham B. Jehoschua meist verschiedene Standpunkte, um auf diese Weise der Komplexität der Wirklichkeit nahe zu kommen. Die Wahrheit schließt die Wahrheit des Andersdenkenden ein, könnte als Motto über seinem Schreiben stehen. Bei Jehoschua gilt das gleichermaßen für Konflikte innerhalb der Familie, zwischen Ehepartnern, zwischen Eltern und ihren Kindern, zwischen sephardischen und aschkenasischen Juden oder zwischen Juden und Arabern.

Im jüngsten seiner acht Romane, Die befreite Braut, verknüpft er mit meisterhafter Leichtigkeit alle diese Themen in parallel laufenden Handlungssträngen. Motor der Handlung ist der bizarre Forscherdrang seines Protagonisten, Jochanan Rivlin, wie Jehoschua Professor an der Universität Haifa und seinem Autor auch sonst nicht unähnlich. Der Orientalist Rivlin, Spezialist für arabische Geschichte und ein hingerissener Anhänger der intensiv gelebten Ehe, forscht ruhelos nach den Ursachen für das Scheitern der Verbindung seines Sohnes und nach dem Geheimnis hinter dem Unglück einer arabischen Studentin. Und führt, Jehoschuas Liebe zum Alltag und aufschlussreichen Details sei Dank, mit seltener Anschaulichkeit mitten hinein in die jüdisch-arabische Gegenwart Israels.

STANDARD: Im Zentrum Ihres neuen Romans, "Die befreite Braut", stehen Beziehungen, vor allem Ehen: Die Ehe des Professors Rivlin und seiner Frau Chagit, die - gescheiterte - Ehe seines Sohnes Ofer, die unglückliche Ehe der Araberin Samaher, aber auch die Beziehung, also gewissermaßen die Ehe, der Juden und der Araber in Israel, die von Fremdheit, aber auch von großem Respekt für die jeweils andere Kultur geprägt ist. Aus heutiger Sicht wirkt die Gegenwart, die Sie beschreiben, fast wie eine Utopie.

Jehoschua: Das Buch wurde 1998 begonnen, in einer friedvollen Atmosphäre. Damals schien der Friede sehr nah. Dennoch ist es wichtig zu unterscheiden: Die Araber in meinem Buch sind israelische Araber. Und sie sind in gewisser Hinsicht ein Teil der Familie. Auch wenn das vielleicht etwas befremdlich klingt, in der momentanen Situation.

Allerdings habe ich bei meiner Pressereise durch Europa in den letzten Wochen bemerkt, dass man die beiden Bevölkerungsgruppen hier in Europa verwechselt: die Palästinenser, mit denen Israel sich momentan im Konflikt befindet und die Palästinenser, die ein Teil sind des jüdischen Staates und die, allen Schwierigkeiten zum Trotz, bis heute in Frieden leben mit der jüdischen Bevölkerung.

STANDARD: Selbst momentan?

Jehoschua: Auch heute. Es gibt eine Million Araber in Israel, circa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung. Sie sind eine große Minderheit und seit 54 Jahren israelische Staatsbürger. Sie haben sechs Vertreter im Parlament. Und während all dieser Jahre grausamster Konfrontation leben und arbeiten die israelischen Araber mit uns, arabische Studenten besuchen die Universität gemeinsam mit jüdischen Studenten. Und es existiert ein Vertrauen. Ich kann nachts in ein arabisches Dorf gehen, das nur fünf Kilometer von der Westbank entfernt ist - und niemand wird mir etwas antun, ich bin sicher.

STANDARD: Sie haben sich oft für einen palästinensischen Staat ausgesprochen. Was hieße das für die israelischen Araber?

Jehoschua: Die meisten würden israelische Staatsbürger bleiben. Natürlich sind sie nicht nur zufrieden, sie beklagen sich beispielsweise über Benachteiligung in ökonomischer Hinsicht.

Dennoch: Sie würden als israelische Staatsbürger auch weiterhin die soziale Sicherheit Israels genießen, die gute medizinische Versorgung, und vor allem die Demokratie. Denn sie sind die einzigen Araber, die in einer wirklichen Demokratie leben.

STANDARD: In Ihrem Buch bringen Sie die Frage der fehlenden arabischen Demokratie in Zusammenhang mit dem Fehlen eines individuellen Freiheitsbegriffs.

Jehoschua: Die Frage der Freiheit, der Demokratie ist eine Schlüsselfrage für die gesamte arabische Welt. Warum sind die Araber so langsam in der Umsetzung jeder Form von Moderne, von Demokratie? Meiner Meinung nach ist die Stellung der Frau einer der Schlüssel zum Verständnis der arabischen Welt.

STANDARD: Inwiefern?

Jehoschua: Die Unterdrückung der Frauen führt dazu, dass das Kind sich mit dem unterdrückten Teil identifiziert, der Mutter, gleichzeitig aber auch mit dem Unterdrücker, dem Vater. Das ist meines Erachtens einer der Gründe, weshalb sie sich so selbstverständlich einer Diktatur unterordnen.

STANDARD: Dann ist "Die befreite Braut" im Titel Ihres Buches auch die befreite arabische Frau?

Jehoschua: Ja, das ist einer der wesentlichen Punkte in der Zukunft der arabischen Gesellschaft. Es gibt bereits Stimmen in der arabischen Welt zu diesem Thema. Sie sehen Frauen in Europa, in Japan, in der chinesischen Gesellschaft, und ihre Frauen müssen sich verschleiern, wohinter ja der Grundgedanke steht, dass eine Frau sexuelles Objekt der Männer ist. Daher hat sie sich zu verhüllen.

STANDARD: . . . was zurückführt zur Frage der Beziehung. Ihr Buch ist ein großes Plädoyer für die Liebe, für den Dialog.

Jehoschua: Man muss sich in allen seinen Beziehungen der Anstrengung des permanenten Dialogs unterziehen. Das ist harte Arbeit. (DER STANDARD, Printausgabe vom 22.9.2003)

Abraham B. Jehoschua
Die befreite Braut.

512 Seiten
Verlag Piper

Zur Person Abraham B. Jehoschua

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Verlag Piper

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    foto: buchcover
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