Hinter der verschlossenen Tür

19. September 2003, 12:44
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Ein Erzählband führt in den Kosmos von Ivo Andric ein

Eine der wenig beachteten Folgen der blutigen Auflösung Jugoslawiens ist der Versuch einer radikalen Ethnisierung der Literatur und seiner Vertreter. Wem etwa "gehört" ein Schriftsteller, der im zentralbosnischen Travnik in eine kroatische - also katholische - Familie geboren, seine bedeutendsten Romane in der von der deutschen Wehrmacht besetzten serbisch-orthodoxen Metropole Belgrad schrieb und dafür als erster jugoslawischer Schriftsteller 1961 den Nobelpreis erhielt?

Diese Frage mag uns befremden. In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens - zumal in Bosnien - ist sie freilich nicht bloß Thema nationalistischer Zirkel. Sie wird umso heftiger diskutiert, scheint es, je weniger literarisches Interesse dahinter steckt. Es geht vielmehr um die ideologische Instrumentalisierung von Kunst, zumal von Literatur - im Übrigen kein Novum in der europäischen Geistesgeschichte.

Insofern ist Ivo Andric - auf ihn bezieht sich die eingangs gestellte Frage - kein Einzelfall, wohl aber das eindrucksvolle Beispiel des gewöhnlichen Wahnsinns exklusiv ethnischer Sichtweisen. Dabei eignet sich Andric am wenigsten für eine "völkische" Zuordnung. Wohl auch aus der täglichen multiethnischen Erfahrung in seiner engeren Heimat Bosnien, deren verquere Fährnisse sozusagen der Rohstoff vieler seiner Erzählungen und Romane sind, hat sich Andric schon sehr früh der Idee des Jugoslawismus verschrieben. Wegen seiner Sympathien für die südslawisch orientierte jungbosnische Vereinigung "Mlada Bosna" musste er den Großteil des Ersten Weltkrieges in österreichischem Gewahrsam verbringen.

Als diplomatischer Vertreter des serbisch dominierten Königreichs Jugoslawien in Madrid, Rom, Genf und zuletzt im Berlin Adolf Hitlers hat Andric den Zerfall der internationalen Ordnung des Völkerbundes ebenso erlebt wie das endgültige Ende des alten Europa. Dem ist bekanntlich auch das erste Jugoslawien zum Opfer gefallen. War es nicht auch das hautnahe Erleben des Scheiterns zivilisierten Umgangs der europäischen Völker, das ihn veranlasste, über das Vergangene seiner Heimat Bosnien zu schreiben, um vor zukünftigem Unglück im Zeichen des Hasses und der Intoleranz zu warnen? Wie anders ist es erklärlich, dass ein Großteil seiner Romane und Erzählungen - in Zeiten von "bratstvo i jedinstvo" (Brüderlichkeit und Einheit) durchaus politisch unkorrekt - die oftmals blutigen Gegensätze der jugoslawischen Völker thematisiert? Dabei entgehen die über viele Jahrhunderte gewachsenen religiösen und kulturellen Verstrickungen, die weit über den Balkan hinausreichen, nicht seinem poetischen Durchblick. Ihn bloß als Chronisten Bosniens zu bezeichnen ist daher nicht korrekt.

Andric beschreibt Geschichte stets als Vorgeschichte des Hier und Jetzt, wie der Herausgeber Karl-Markus Gauß in seinen kenntnisreichen Nachbemerkungen ausführt. Für Andric war der südslawische Vielvölkerstaat nicht naive Erfüllung des Traums eines Internationalisten, sondern existenzielle Bedingung zur Überwindung der jahrhundertelangen Fremdbestimmung am Balkan. Obwohl sein Verhältnis zum Kommunismus ein distanziertes gewesen ist, hat er Titos Jugoslawien als Fortschritt, wenn nicht gar als Lösung der historischen "südslawischen Frage" gesehen.

Nicht anders ist auch sein - von Milo Dor und Reingard Federmann kongenial übersetzter - Brief aus dem Jahre 1920 zu lesen. Jene Erzählung, die Anfang der Neunzigerjahre uninformierten westlichen "Vermittlern" als "Beweis" für die Unmöglichkeit des Zusammenlebens der südslawischen Völker zur Lektüre empfohlen worden war. Von "ancient hatreds" war in den westlichen Medien die Rede und vom "Ausblutenlassen".

Von Radovan Karadzic, der sich selbst als Poet sieht, bis zu seinem politischen Kumpanen Nikola Koljevic, dem Shakespeare-Spezialisten, der im Selbstmord endete, haben serbische Extremisten Ivo Andric als Kronzeugen für ihre kriminelle Politik missbraucht. Jener, der Hass und die Bedingungen seines Entstehens analysiert, wird solcherart zu deren Propheten verfälscht. Ein Skandalon besonderer Art. In der Tat ist die Lektüre dieses "Briefes" vor dem Hintergrund der jüngsten jugoslawischen Tragödie verstörend. Der fiktive Autor, ein kosmopolitisch fühlender Jude aus Sarajewo mit weit verzweigten Familienbanden quer durch die ehemalige Monarchie, erklärt dem Icherzähler die Gründe seiner "Flucht" aus Sarajewo: "Bosnien ist ein Land der Angst und des Hasses." Was ihn, den Mediziner dabei zutiefst irritiert, ist das vollständige Fehlen der Erkenntnis, dass man diesen spezifisch bosnischen Zustand "einsehen, festhalten und analysieren muss". Denn: "Es ist nicht Hass als Moment der gesellschaftlichen Entwicklung und damit als ein unvermeidlicher Teil des historischen Prozesses, sondern ein Hass, der als selbständige Kraft auftritt und in sich selbst sein Ziel findet. Ein Hass, der den Menschen gegen den Menschen hetzt und dann beide Gegner zugleich in Elend und Unglück stürzt oder unter die Erde bringt. Ein Hass, der wie Krebs im Organismus alles um sich her zerstört, aber am Ende selbst der Vernichtung anheimfällt, denn ein solcher Hass hat ebenso wie die Flamme keine beständige Form und kein Leben aus eigenem. Es ist ein Instrument des Vernichtungswillens und des Selbstvernichtungstriebs. Er existiert nur in dieser Form und nur so lange, bis seine Aufgabe, die der vollständigen Vernichtung, erfüllt ist."

Wurde dieser Punkt im blutigen Krieg der Neunzigerjahre erreicht? In jenem verwirrenden Konflikt, der auch ökonomische, soziale sowie kulturelle Ursachen hatte und der im Politjargon gelegentlich als Modernisierungskrise bezeichnet wird. Markiert der europäische Kulturbruch "Srebrenica" diesen End- und Wendepunkt, fragt man sich unwillkürlich. Dies zu beantworten ist freilich nicht Aufgabe von Literatur. Darum haben sich gegenwärtige Politik und Gesellschaft zu kümmern. Wie der Brief aus dem Jahre 1920 keine bloß "bosnische" Geschichte ist, so rücken auch die anderen insgesamt 17 Erzählungen von Ivo Andric die Conditio humana in den Mittelpunkt. So verweist etwa Café Titanic auf die Vernichtung der Juden von Sarajewo durch die kroatische Ustascha. Hinter der Verschlossenen Tür - die dem Band den Titel leiht - drängt sich in die Privatheit der Belgrader Wohnung (und der Erzählung) unvermittelt die Wirklichkeit der Naziokkupation, wenn die Frau auf das Läuten an der Tür mit dem Ausruf "Mein Gott, die Deutschen!" reagiert.

Das Verdienst von Verlag und Herausgeber ist ein zweifaches: Zum einen präsentieren sie eine prägnante Einführung in den dichterischen Kosmos von Ivo Andric, zum anderen lenken sie die Aufmerksamkeit auf seine beiden monumentalen Chroniken des untergegangenen osmanischen Balkans, nämlich Die Brücke über die Drina und Wesire und Konsuln. (Wolfgang Petritsch, DER STANDARD, Printausgabe vom 13./14.9.2003)

Wolfgang Petritsch, österreichischer UNO-Botschafter in Genf, war Botschafter in Belgrad, EU-Beauftragter im Kosovo und von 1999 bis 2002 internationaler Administrator in Bosnien und Herzegowina.

Ivo Andric
Die verschlossene Tür.
Erzählungen. Hg.und mit einem Nachwort von Karl-Markus Gauß.

€ 20,50/304 Seiten. Zsolnay, Wien 2003

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