Eroberte Männerdomäne

2. Dezember 2003, 10:43
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Linda Cook, CEO von Shell Canada Ltd., schaffte es trotz Querschüsse ihrer männlichen Kollegen bis an die Spitze der Erdölindustrie

 

Traditionell haben Männer das Sagen in Kanadas Erdölindustrie, aber die müssen sich nun an neue Zeiten gewöhnen.

Die erst 45 Jahre alte Linda Cook ist in diesem Sommer als CEO von Shell Canada Ltd. nach Calgary gezogen, einer Gesellschaft mit einer Marktkapitalisierung von rund 8,7 Milliarden Euro. In Calgary, Hochburg der Ölbarone in der Provinz Alberta, waren Frauen im "Calgary Petroleum Club" bis 1989 nicht zugelassen.

Auch heute sind nur 55 der 1500 Mitglieder weiblich. Aber mit Linda Cook, einer Amerikanerin mit deutschen Vorfahren, steht nun erstmals eine Frau einem großen integrierten Erdöl- und Naturgasunternehmen vor. Das US-Magazin Fortune hat Cook als eine der einflussreichsten Managerinnen außerhalb der USA bezeichnet.

Rückzug

Heute kann sich die studierte Erdölingenieurin, die an der Universität Kansas abschloss, mit Schmunzeln an den Tag erinnern, als sie ihren ersten Arbeitsplatz auf einer Bohrstelle antreten sollte.

Der Vorarbeiter versperrte ihr den Zugang zur Anlage, indem er seinen Laster quer über die Straße stellte. Mit verschränkten Armen erklärte er Cook, dass er keine Frauen auf der Bohrstelle dulden würde. "Es gibt Schlachten, denen ich nicht ausweiche", erzählte Linda Cook dem kanadischen Magazin Report on Business, "aber ich erkannte, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen würde." Die Zentrale schickte sie daraufhin auf eine andere Bohrstelle.

In den folgenden Jahren machte Linda Cook Karriere beim drittgrößten Öl- und Gaskonzern der Welt, Royal Dutch/Shell, arbeitete in den Konzernzentralen in Den Haag und zuletzt in London. Vom kanadischen Calgary aus wird sie die Shell-Anlagen in den erdölhaltigen Teersanden im Norden Albertas weiter ausbauen und entscheiden, was mit Shells Gasprojekten an der Ostküste Kanadas geschehen soll. Zudem ruhen in Alaska und in den Grenzgebieten Kanadas riesige Erdgasreserven, auf die Energiekonzerne ein Auge geworfen haben. Shell Canada, eine Tochtergesellschaft von Royal Dutch/ Shell, wird zu rund 22 Prozent von den Aktionären kontrolliert.

Eiserner Wille

Linda Cook gilt als begabte Kommunikatorin, die gut mit Menschen umgehen kann, aber auch langfristige Vorhaben eisern und pünktlich umsetzt. Als älteste Tochter von sechs Kindern hatte Linda damals im amerikanischen Kansas schon früh wichtige Aufgaben in der Molkerei übernommen, die von ihren aus Deutschland eingewanderten Großeltern gegründet worden war.

Linda konnte dann aber ihren Vater überzeugen, sie an der familieneigenen Tankstelle arbeiten zu lassen, weil sie - wie sie später zugab - junge Männer kennen lernen wollte. Geblieben ist ihr die Faszination für Erdöl.

Eine katholische Familie mit einer strengen Arbeitsmoral und eine Begabung für Mathematik und Naturwissenschaften waren für Linda Cook die Grundlagen für den Aufstieg in einem Weltkonzern.

Und - nicht zu vergessen - Ehemann Steve, ein früherer Energiehändler, der nun Hausmann für die drei elf bis 16 Jahre alten Kinder ist. (Bernadette Calonego, DER STANDARD Printausgabe, 20./21.9.2003)

  • Der Faszination Erdöl ist Linda Cook schon sehr früh erlegen - Das US-Magazin "Fortune" bezeichnete sie als eine der einflussreichsten Managerinnen außerhalb der USA
    foto: shell canada

    Der Faszination Erdöl ist Linda Cook schon sehr früh erlegen - Das US-Magazin "Fortune" bezeichnete sie als eine der einflussreichsten Managerinnen außerhalb der USA

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