Der Zebrastreifenbenutzer

24. Dezember 2003, 15:01
53 Postings

Will H. eine Straße überqueren, dann tut er das. Und zwar auch dann, wenn sich ihm ein Auto nähert...

Die Beatles, meint H., wären heute längst tot. Obwohl, das muss er den Briten neidlos zugestehen, die Sache mit den Zickzacklinien und den gelben Blinkbojen dort tatsächlich ganz gut funktioniert. Nur, sagt H., glaubt er sich zu erinnern, dass auf dem berühmten Abbey Road Foto nichts von all diesen Fußgängerlebensversichungseinrichtungen zu sehen ist: Er wäre manchmal gerne ein Beatle, seufzt H. deshalb zusammenfassen. Nicht wegen des Geldes. Nicht wegen der Frisuren. Auch nicht wegen der Musik. Sondern einfach, weil die Beatles in der Lage waren, eine Straße zu überqueren. Auf dem Zebrastreifen.

H. gehört zu den Menschen, die Zebrastreifen benutzen. Und zwar so, wie es die Straßenverkehrsordnung vorsieht: Will H. eine Straße überqueren, dann tut er das. Und zwar auch dann, wenn sich ihm ein Auto nähert. Schließlich, weiß H., hat er als Fußgänger hier Vorrang. Steht angeblich in der StVO. Und weil in der auch drinnen steht, dass im Straßenverkehr der Vertrauensgrundsatz gilt – und es zu den klassischen Führerscheinprüfungsfragen zählt, aufzuzählen, wer aller nicht darunter fällt- geht H. davon aus, dass einer, der ein Auto lenkt, doch eigentlich auch wissen müsste, wie das an nicht von einer Ampel geregelten Fußgängerübergang zu funktionieren habe. Er springt ja auch nicht plötzlich auf die Fahrbahn, sondern steigt nur vom Gehsteig, wenn der sich nähernde Wagen durchaus in der Lage ist – eher: wäre, korrigiert sich H. – gefahrlos abzubremsen und anzuhalten.

Prellungen und Ohrfeigen

Irgendwann, sagt H., werde ich deshalb wohl im Krankenhaus landen. Weil Recht haben und Recht bekommen zwei Paar Schuhe sind. Bisher, sagt H., habe er aber immer Glück gehabt: Und werde nur unflätig beschimpft. Einmal hat er sich das Knie geprellt. Einmal hat er Ohrfeigen bekommen. Und ab und zu tut ihm schon mal die Fußspitze weh. Aber, meint H. (und schwört, dass er nie absichtlich irgendwo hintreten würde), wenn er zur Rettung seines Lebens springen muss, dann könne es schon passieren, das sein Fuß eine Audi-Seitentür oder einen BMW-Kotflügel streift.

Und, betont H., er betreibe hier jetzt kein mutwilliges Productplacement mit Automarkennamen. Das Zebrastreifenbegehen, erklärt H. nämlich, habe ihm mittlerweile zu einer kleinen Privatempirie verholfen. Fast, meint H., sei er versucht, das Wort Studie zu verwenden. Denn, erzählt H., er wisse mittlerweile, dass er sich am Land, in Kleinstädten und Dörfern weniger zu fürchten braucht als in der Stadt. Und – egal wo: Kleinwägen, und andere Autos die von der Autoindustrie als „Frauenautos“ angepriesen werden, haben bremswilligeres Personal als Sportwägen, Cabrios, Abfertigungs-Mercedesse oder Chefetagen-Limousinen ohne Chauffeur. Völlig problemlos, eigentlich wirklich super, erklärt H., wären die Busfahrer der Wiener Linien. Besonders schlimm seien dagegen Lieferwägen – vor allem Fahrzeuge im Dienst von Installateurbetrieben, referiert H., verwechseln sich oft mit Einsatzfahrzeugen.

TT-Terminator

Wirklichen Bammel davor, einen Fuß auf die schwarzweißbemalte Straße zusetzen, meint H. habe er aber vor allem dann, wenn er seinen Vorrang gegenüber Audi- oder BMW-Kühlern artikulieren wolle. Manchmal, sagt H., steigen die wirklich noch aufs Gas. Und bei Fahrzeugen mit Halon-Scheinwerfern, am Rückspiegel aufgehängten CDs, verbreiterten Kotflügeln oder Frontspoilern käme es vor, dass sich auch die Richtung des Wagens ändere: Auf ihn, den Fußgänger, zu.

Typenmäßig, erzählt H., wisse er mittlerweile, dass bei Audi der TT-Fahrer das Kürzel seines Wagens oft mit „totales Terminieren“ erkläre. Und bei BMW verhalte sich der Gefährdungsgrad für Fußgänger auf Zebrastreifen in der Regel indirekt proportional zur Serie: Je 3er der Wagen und je jünger der Fahrer ­– H. legt größten Wert darauf, dass laut seiner Empirie die Gefahr, durch Frauen am Zebrastreifen umgenietet zu werden vergleichsweise marginal sei –, desto hechtsprungbereiter müsse er sein. Seine Watschen, erklärt H. habe er sich aber von einem Golffahrer geholt. Er habe das GTI-Stadtranddiscogewummere (ein Garant dafür, dass der Fahrer weder bremsen noch halten wird) zu spät gehört und sein volles Einkaufssackerl sei am hinteren Kotflügel zerplatzt. Ein Mitpassant habe die Polizei gerufen – die habe dem Golf gleich das Kennzeichen abmontiert.

Sturztraining

Irgendwann, weiß H. wird er sich vermutlich wirklich weh tun. Deswegen warnt er auch jeden davor, ihm nachzueifern. Zumindest ohne langjähriges Sturz- und Abrolltraining: H. hat einige Jahre in Deutschland als Stuntman gearbeitet. Wenn Kinder in der Nähe seien, schwört er, käme er auch nie auf die Idee, eine Straße so zu überqueren, wie es laut Gesetz möglich sein sollte. Wenn er aber zusehen müsse, wie lange alte Menschen oder Mütter mit Kindern an der Hand an Zebrastreifen beinhart ignoriert werden, jucke es ihn aber, sein Programm zu erweitern: H. plant , sich einen Kinderwagen zuzulegen – und damit dann Zebrastreifen zu benutzen.

Nachlese
--> Herbsteuphorie
--> Ausgedinge
--> Spaß mit Falschparkern
--> Hollywoodschaukel
--> Ali Baba
--> Flashmobs

--> Abschied vom Dachschwimmbad
--> Lerchenfelder Straße
--> Gusis Gartenwall
--> Blumen des Bösen
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Jede Woche auf derStandard.at/
Panorama
  • Artikelbild
Share if you care.