Verbraucherschutz, Hilfe!

12. Oktober 2003, 19:51
posten

Von krank machenden Packerln, Tod bringenden Schalen und Vehikeln der Genusstrübung - Ein Kommentar der anderen von Mathias Zucchi

In den Niederlanden, in Frankreich und Italien ist es bereits so weit, Deutschland und Österreich stehen kurz davor: Die neuen EU-Verbraucherschutzbestimmungen stellen unsere Zigarettenschachteln in den Dienst der Volksgesundheit: Jeweils auf ca. einem Drittel der Vorder-und der Rückseite prangen schwarz-weiße Warnschilder, die sich nicht mehr mit dem lapidaren "Rauchen tötet" begnügen, sondern der Fantasie der Verbraucherschützer offenbar keine Grenzen setzen: "Rauchen schadet Ihnen und den Menschen in Ihrer Nähe erheblich", heißt es da beispielsweise, aber auch freundschaftlicher Rat wird uns zuteil: "Ihr Arzt oder Apotheker kann Ihnen helfen, wenn Sie sich das Rauchen abgewöhnen wollen." Besten Dank!

... Arterien, Infarkte ...

Auf manchen Schachteln scheint der Onkel Doktor selbst das Wort zu ergreifen: "Rauchen verstopft die Arterien und führt zu Infarkten und Schlaganfällen", redet er uns ins Gewissen, "Wer das Rauchen aufgibt, verringert das Risiko tödlicher Herz- und Lungenkrankheiten", und, was offenbar insbesondere den weiblichen Paffern den Angstschweiß auf die Stirn treiben soll: "Rauchen führt zu Hautalterung".

Individualisierte Hinweise (Beispiel: "Ihr Rauchen stört den notorischen Choleriker am Nebentisch, der Ihnen gleich heimleuchten wird") sind dank avancierter Kommunikations- und Überwachungstechnik wohl nur mehr eine Frage der Zeit.

... Abgase, Tod ...

Nun liegt es uns völlig fern, den Wert dieser pädagogischen Bemühungen anzuzweifeln oder gar herabzusetzen. Im Gegenteil: Wir alle - Pfeifen-, Zigaretten- wie Nichtraucher - sollten hierin nur den ersten Schritt zu einem neuen, umfassenden Verbraucherschutz sehen, der hoffentlich schon bald alle Bereiche des Konsumalltags erfassen wird:

Kraftfahrzeuge etwa sollten künftig mit quadratmetergroßen Plaketten auf Kofferraum und Kühlerhaube versehen werden, auf denen zu lesen ist, was die Straßen und Autobahnen schlagartig leeren würde: "Abgase schädigen die Umwelt erheblich", "Der Straßenverkehr fordert jährlich zigtausend Menschenleben" oder "Ihr Schaffner oder Fahrradhändler unterstützt Sie, wenn Sie sich das Autofahren abgewöhnen wollen".

... Lesen, Hämmer ...

Die Titelseiten der Tageszeitungen werden potenzielle Leser mit fett gedruckten Schlagzeilen abschrecken: "Lesen schadet den Augen", "Wer täglich Nachrichten liest, bekommt Albträume", oder, psychologisch feinsinniger, "Zeitunglesen am Frühstückstisch führt zu Beziehungskrisen".

Heimwerkermärkte - ein wahres Eldorado für Verbraucherschutzinformationen! Man denke an "Hämmern erhöht das Risiko schmerzhafter Quetschungen im Daumenbereich", "Bohren stört Ihre Nachbarn" oder Top-Schocker wie "Wer Kakteen auf die Fensterbank stellt, gefährdet sich selbst und etwaige Passanten".

... Fußball, Joggen ...

In Sportgeschäften stolpern wir über nagelneue Tangobälle mit Warnpickerl "Fußballspielen verursacht Meniskusprobleme", Laufschuh-Aufkleber mahnen mit "Wer das Joggen aufgibt, lebt länger und gemütlicher". Und beim Wochenendeinkauf lockt der Feinkoststand mit Banderolen des Grauens: "Am Gestank dieses Mondseer Käses wird Ihre Ehe zerbrechen."

Chiquita-Aufkleber? Überflüssig. Stattdessen drohende schwarze Lettern auf weißem Grund: "Bananenschalen töten." Von alkoholischen Getränken, Kaffee, Tee, Bratwürsten, Schokolade, Feuer-und Flugzeugen, Fallschirmen und Boxhandschuhen ganz zu schweigen.

Waffen!

Einzig beim Bundesheer dürfte die Kennzeichnungspflicht für sämtliche Kriegsgerätschaften von Leopard bis Eurofighter - "Waffen töten" - vermutlich an der Kostenfrage scheitern. Aber wir wollen dem Zilkschen Reformkonzept keinesfalls vorgreifen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 23.9.2003)

Der Autor lebt als Fremdsprachenlektor und freier Publizist in Venedig.
Share if you care.