Zum Nachschmecken: Lukians Frauenpsychosexfibel

14. Oktober 2003, 10:18
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Was macht die spätantike Liebe - wenn sie doch von der Kalkulationswirtschaft säuerlich überlagert wird?

Im Grunde möchte man als Mann keiner antiken Hetäre zu nahe treten: Dirnen, deren erlesene Kultiviertheit die Männer um deren schnödestes Gut betrügt - die Rechthaberei. Damen dieses Kalibers sind nicht ohne weiteres käuflich. Sie machen aus der prinzipiellen Käuflichkeit eine Daseinsweise - und ihre (scheinbar) vernünftige Betrachtung der Liebe ankert im heilig-nüchternen Wasser des Epikur.

Ihnen gefällt daher, was dem bloßen Anschein des Begehrens von Nutzen ist. Die Modernität amouröser Kalkulation überlagert das (protestantische) Ethos seelischer Aufrichtigkeit. In diesem Spannungsfeld erhält Michael Cerhas gehaltvolle Umschrift von Lukians Hetärengesprächen erst ihren Kitzel. Der Reiz liegt in der Doppelverneinung: Bekämpfe den ersten Impuls! Kultiviere den Vorbehalt - und mache ihn ökonomisch nutzbar, auf dass du liebest!

Smalltalk, von dem der Syrer Lukian (120 n. Chr.) sich wohl keinen neuzeitlichen Theaterbegriff gemacht haben dürfte. Regisseurin Sandy Tomsits hat sich in der spielbar des Volkstheaters ein bisschen in das zwischenfeminine Bedürfnis nach Brutkastenwärme hineingeflüchtet:

Auf einem vaginalen Kunstbärenfell, um das Schaumgummischnittchen wie Käseschnitzen herumliegen (Bühne: Ilona Glöckel), herrscht viel blind-zutrauliches Einverständnis zwischen unterschiedlich aufgelegten Schauspielerinnentemperamenten (famos: Imke Büchel). So viel Mausen muss nicht sein. Ein schöner Abend für den späthellenistischen Psychospanner. (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 23. 9.2003)

Hetärengespräche in der spielbar des Volkstheaters
1070 Wien
Neustiftgasse 1
524 72 63
Di., 22 Uhr
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