Camouflierende Geschmeidigkeit

14. Oktober 2003, 10:18
posten

Junge Choreografien an der Volksoper und aus der Staatsoper

Wien - Zwei junge Frauen aus Estland lieferten bei ImPulsTanz 2002 eine echte Überraschung: Merle Saarva und Krõõt Juurak mit ihrer rotzigen, aber brillant reflektierten Choreografie Camouflage. In dem Duett wurde die Bühne als Ort der Verdeckung bloßgestellt, Verhüllung als Provokation der Neugier dargestellt und Enthüllung als Versteckspiel inszeniert. Geschickt schälten die Künstlerinnen einige Diskursfrüchte aus dem zeitgenössischen Tanz und drapierten die Häute, systematisch geknittert und gefältelt auf der nackten Bühne.

Als ob der neue Ballettchef der Volksoper, Giorgio Madia, Camouflage gesehen hätte, knüpfte er an seine Einladung an vier Choreografen der freien Tanzszene eine Bedingung: Sie mussten Barockmusik verwenden. Dance Barock! ist im Untertitel ein "Modern Dance Abend". Camouflage! Dahinter versteckt sich eine nüchterne Wirklichkeit: "Das hauseigene Ballett ist noch ,under construction'".

Rose Breuss, Bert Gstettner, Manfred Aichinger und Elio Gervasi nahmen die Einladung geschmeidig an. Und sparten nicht mit Ironie. Breuss ließ vier Tänzer in vegetabilem Ambiente Luftsprünge machen, Gstettner sechs Puppen dahinvegetieren, Aichinger ein träges Mädchenquartett nach Leben gieren, und Gervasi setzte Musik und Tanz als zweierlei Fantasien auf die Bühne. Damit karikierte das Quartett die Vorgabe, denn die Musik rann an den Tanzenden ab wie Öl. Doch zugleich passte es sich schmiegsam an die Vorgabe der Gefälligkeit an.

Künstlerisch kratzte nur Gervasi mit einer gelungenen Choreografie die Kurve, die seine Tänzerinnen in grässlichen Kostümen technisch traumhaft umsetzten. Er raffte seinen Tanz zur üppig gefältelten Struktur und ließ dabei Bachs Kunst der Fuge ablaufen. Merle Saarva und Krõõt Juurak hätten diese sicher mit einem Springschnurhüpfen begleitet.

Das vom Ballettclub der Wiener Staatsoper veranstaltete "choreo.lab 03" camouflierte genauso. Das Addendum "lab", die Kurzform für Labor, signalisiert zeitgenössische Aktualität. Kaisers neue Kleider! Die fünf an diesem Abend vertretenen Nachwuchschoreografen aus der Wiener Staatsoper hatten natürlich keine Gelegenheit, an ihrer Materie laborhaft zu forschen. Immerhin aber durften sie endlich eigene Arbeiten zeigen. Das war während der vergangenen drei Jahre nicht möglich gewesen, weil der bettelarmen Staatsoper die Mittel zur Förderung des choreografischen Nachwuchses fehlen. So musste der Ballettclub für die vom Mutterhaus im Stich Gelassenen Charity-Golfturniere veranstalten.

Das Ergebnis, unter anderem: Vanessa Tamburi, 35, drangsalierte das Publikum 45 Minuten lang mit einem pubertär wirkenden Versuch über den Schmerz. Claudi Bombardos remove to expose hingegen zeugte von einem echten, aber vernachlässigten Talent, das sich bereits im Zustand beginnender Korrosion befindet. Durchaus nachvollziehbar verliebte sich das Auditorium in das Highlight des Abends: Iva Rohliks choreografisches Debut quiet city.

Interpretiert wurde es von einem Traumpaar: Shoko Nakamura und Eno Peci. Ein solider, unpräsentiöser Pas de deux, in dem Postmoderne und Neoklassik in zauberhafter Abgeklärtheit ineinander fließen konnten. Darin hätten Merle Saarva und Kõõt Juurak vergeblich nach einer Camouflage gesucht. (DER STANDARD, Printausgabe, 23. 9.2003)

Von Helmut Ploebst
Share if you care.