Die Absagen an die Diagonale häufen sich
Wien/Graz – Die Reihe der Absagen an die neue "Diagonale"
unter Miroljub Vuckovic und
Tillmann Fuchs setzt sich fort:
Nachdem Viennale-Direktor
Hans Hurch und die Filmemacherin Ruth Beckermann
im STANDARD einen Boykott
und eine Gegenveranstaltung
zum "Festival des österreichischen Films" in Graz anregten,
sieht nun auch das Filmarchiv
Austria unter der Leitung von
Ernst Kieninger keine Möglichkeit zur Kooperation.
In einem Schreiben an den
STANDARD meint Kieninger:
"Die Diagonale, ein dynamisches, ganz eng in der Filmszene verankertes Festival,
mehr noch ein von unten gewachsenes Forum für das österreichische Kino, ist nicht
mehr. An dessen Stelle rückt
ein von oben verordnetes
Festival, das – soweit erkennbar – in erster Linie die Funktion eines Marktplatzes erfüllen soll. Dass das Filmarchiv
Austria mit kritisch-diskursiven Programmen zur Film^geschichte auf einer Vertriebsbörse keinen Platz mehr sieht,
liegt auf der Hand."
Auch das Österreichische
Filmmuseum unter Alexander
Horwath will, wie bereits berichtet, nicht mit der Diagonale kooperieren. Und am Wochenende hatten Filmemacher wie Michael Haneke, Barbara Albert, Goran Rebic und
Ulrich Seidl erklärt, ihre
Arbeiten dem Festival nicht
zur Verfügung stellen zu wollen. Seidl sprach von einem
"politischen Willkürakt":
"Was Staatssekretär Franz Morak hier installiert hat, gehört
der Lächerlichkeit preisgegeben. Das wird blamabel!"
Der Avantgardefilmemacher Peter Tscherkassky teilt
dem STANDARD gegenüber diese Einschätzung: "Dem Festival wurde jetzt ein Gesicht
verpasst, in dem ich meine
Anliegen dem österreichischen Film gegenüber nicht wiederfinde." Einem Gegenfestival steht Tscherkassky
mit interessierter Skepsis
gegenüber. "Die Situation ist
völlig verfahren. Man wird ihr
mit simplen Lösungen nicht
beikommen."
Präsentation: Problem
Den Finger auf einen wirklich wunden Punkt legte dem
STANDARD gegenüber Österreichs erfolgreichster Regisseur, Harald Sicheritz: Seine
Kinoversion der TV-Serie MA
2412 (Premiere im Winter) ist
nämlich für einen Auftritt bei
der Diagonale ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Dies bringt
Sicheritz in eine etwas prekäre Situation: Geistig sei er auf
der Seite seinen Kollegen und
empfinde selbst "größte Besorgnis" über die "unsauberen
Gangarten" der Politik. Allein:
Seinen Film hat Kurt Mrkwicka produziert, der wiederum
im Diagonale-Vorstand sitzt –
"und hier beginnt das alte Problem wieder virulent zu werden: Wir Filmemacher können
auf die Vermarktung und auf
den Umgang mit unseren Werken keinerlei Einfluss nehmen." Noch in dieser Woche
soll eine Sitzung im Regieverband auch Klarheit über den
Umgang mit solchen Einschränkungen schaffen.
Vonseiten der Diagonale
war bis dato lediglich eine Reaktion des Österreich-Kurators Wolfgang Ainberger zu erhalten: Man könne niemanden zwingen, am Festival teilzunehmen. Und natürlich bedeuteten Absagen wie jene des
Filmarchivs und des Filmmuseums eine "Arbeitserschwernis" – "es stellt sich aber schon
die Frage, ob öffentliche Institutionen sich Präsentationen
wie bei der Diagonale einfach
entziehen können". "Wenn jemand anderer aus
der Branche unser Konzept
vorgelegt hätte, wäre er sicher
bejubelt worden", meint Ainberger. Man solle Vuckovic
und seinem Team die "Chance
geben, die wir verdienen". (cp, DER STANDARD, Printausgabe vom 23.9.2003)
Von
Claus Philipp