"Eine völlig verfahrene Situation"

Redaktion, 21. November 2003, 19:16

Die Absagen an die Diagonale häufen sich

Wien/Graz – Die Reihe der Absagen an die neue "Diagonale" unter Miroljub Vuckovic und Tillmann Fuchs setzt sich fort: Nachdem Viennale-Direktor Hans Hurch und die Filmemacherin Ruth Beckermann im STANDARD einen Boykott und eine Gegenveranstaltung zum "Festival des österreichischen Films" in Graz anregten, sieht nun auch das Filmarchiv Austria unter der Leitung von Ernst Kieninger keine Möglichkeit zur Kooperation.

In einem Schreiben an den STANDARD meint Kieninger: "Die Diagonale, ein dynamisches, ganz eng in der Filmszene verankertes Festival, mehr noch ein von unten gewachsenes Forum für das österreichische Kino, ist nicht mehr. An dessen Stelle rückt ein von oben verordnetes Festival, das – soweit erkennbar – in erster Linie die Funktion eines Marktplatzes erfüllen soll. Dass das Filmarchiv Austria mit kritisch-diskursiven Programmen zur Film^geschichte auf einer Vertriebsbörse keinen Platz mehr sieht, liegt auf der Hand."

Auch das Österreichische Filmmuseum unter Alexander Horwath will, wie bereits berichtet, nicht mit der Diagonale kooperieren. Und am Wochenende hatten Filmemacher wie Michael Haneke, Barbara Albert, Goran Rebic und Ulrich Seidl erklärt, ihre Arbeiten dem Festival nicht zur Verfügung stellen zu wollen. Seidl sprach von einem "politischen Willkürakt": "Was Staatssekretär Franz Morak hier installiert hat, gehört der Lächerlichkeit preisgegeben. Das wird blamabel!"

Der Avantgardefilmemacher Peter Tscherkassky teilt dem STANDARD gegenüber diese Einschätzung: "Dem Festival wurde jetzt ein Gesicht verpasst, in dem ich meine Anliegen dem österreichischen Film gegenüber nicht wiederfinde." Einem Gegenfestival steht Tscherkassky mit interessierter Skepsis gegenüber. "Die Situation ist völlig verfahren. Man wird ihr mit simplen Lösungen nicht beikommen."

Präsentation: Problem

Den Finger auf einen wirklich wunden Punkt legte dem STANDARD gegenüber Österreichs erfolgreichster Regisseur, Harald Sicheritz: Seine Kinoversion der TV-Serie MA 2412 (Premiere im Winter) ist nämlich für einen Auftritt bei der Diagonale ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Dies bringt Sicheritz in eine etwas prekäre Situation: Geistig sei er auf der Seite seinen Kollegen und empfinde selbst "größte Besorgnis" über die "unsauberen Gangarten" der Politik. Allein: Seinen Film hat Kurt Mrkwicka produziert, der wiederum im Diagonale-Vorstand sitzt – "und hier beginnt das alte Problem wieder virulent zu werden: Wir Filmemacher können auf die Vermarktung und auf den Umgang mit unseren Werken keinerlei Einfluss nehmen." Noch in dieser Woche soll eine Sitzung im Regieverband auch Klarheit über den Umgang mit solchen Einschränkungen schaffen.

Vonseiten der Diagonale war bis dato lediglich eine Reaktion des Österreich-Kurators Wolfgang Ainberger zu erhalten: Man könne niemanden zwingen, am Festival teilzunehmen. Und natürlich bedeuteten Absagen wie jene des Filmarchivs und des Filmmuseums eine "Arbeitserschwernis" – "es stellt sich aber schon die Frage, ob öffentliche Institutionen sich Präsentationen wie bei der Diagonale einfach entziehen können". "Wenn jemand anderer aus der Branche unser Konzept vorgelegt hätte, wäre er sicher bejubelt worden", meint Ainberger. Man solle Vuckovic und seinem Team die "Chance geben, die wir verdienen". (cp, DER STANDARD, Printausgabe vom 23.9.2003)

Von
Claus Philipp

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