Penny und ihre späte Passion

28. September 2003, 21:05
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Gäbe es so etwas wie eine Kürbis-Botschafterin, sie würde für Österreich mit Sicherheit Penelope Slygh-Lichtenecker heißen

Die Sortenvielfalt des wiederentdeckten Gemüses ist für die 65-Jährige zur Berufung geworden. Ihr größter Wunsch: Genug Geld für eine wirklich umfassende Inhalts- und Nährwertanalyse des Kürbisses.

Ihre Liebe zum kunstvoll geschwungenen Gemüse ist eine späte: Als die Kürbisse in ihr Leben traten, war die gebürtige Amerikanerin mit dem klingenden Namen Penelope Slygh-Lichtenecker 55 Jahre alt. Ein Alter also, in dem andere eher an Ruhestand denken. So sind die wissenschaftlich Cucurbita genannten Erdfrüchte in ihrem Leben auch mehr Berufung als konkret Beruf - aber das tut ihrer Passion keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil.

Der Weg zur österreichischen Kürbisexpertin führt über einen ausgetrampelten Pfad durch ihren verwilderten Garten im 18. Wiener Gemeindebezirk. Kürbisse würden hier nicht gut wachsen, weil die alten, hohen Bäume zu viel Schatten werfen. Nur auf dem Kompost vor der alten abgewohnten Villa zieht sie ein paar Ranken, hält im Vorbeigehen die Stengel mit den jungen Blüten routiniert und mit unendlicher Behutsamkeit hoch - ähnlich wie eine Kinderärztin einen Säugling untersucht. Auf dem Tisch am Ende des Pfades liegen einige prachtvolle Exemplare - die einen grünlich weiß, andere wieder gelblich orange, die einen birnenförmig, andere rundlich oder länglich wie zu dicke Zucchinis: "Es gibt drei Gattungen Speisekürbisse", erklärt die Frau mit den rötlichen Haaren mit einem Hauch von amerikanischem Akzent, den sie nach bald 40 Jahren in Österreich nicht verloren hat: "Pepos, Maximas und Moschatas", und dabei kramt sie in ihren Unterlagen nach ein paar Schaubildern und Informationsblättern.

Doch von vorne: Schuld an ihrer Hingabe zur Kürbisfamilie war ihre Pingeligkeit. Penny Slygh, die vor ihrer Hochzeit mit einem Österreicher Französisch und Weltliteratur studiert hatte, wurde in Wien immer wieder als Übersetzerin zurate gezogen. Als sie für eine Wiener Fastenärztin einen englischen Text über Gemüsesorten übersetzte, stieß sie an ihre Grenzen - zumindest was die Kürbissorten betraf: Im Deutschen gab es damals nur drei Bezeichnungen: Riesen-, Garten- und Speisekürbisse. Das war 1992 - und pingelig, wie Penny war, reichte ihr das nicht. So wurde sie zur Expertin. Mittlerweile hat sie für das Landwirtschaftsministerium Expertisen über Kürbisse verfasst und berät Bauern, die nach alternativen Anbaumöglichkeiten suchen, in Sachen Speisekürbisaufzucht.

Vielfache Vorteile

Auf einem 300 Quadratmeter großen Versuchsgelände baut sie mit dem Gartenbauinstitut der Wiener Universität für Bodenkultur immer neue Sorten Kürbisse an und versucht die Landwirtschaftsschulen von den vielfachen Vorteilen des Kürbisanbaus zu überzeugen. Kürbisse sind gut für das Erdreich, sind bestens lagerbar und extrem gesund. 1999 brachte sie schließlich als Ko-Autorin ein Kürbiskochbuch auf den Markt. Das alles macht sie mehr oder weniger ehrenamtlich. Seit ein paar Jahren schon ist der Kürbis wieder in aller Munde. Aber zu Lichteneckers Unmut bestellen die großen Supermarktketten meist den gewöhnlichen Muskatkürbis in großen Mengen, zum Beispiel in Frankreich: "Man sollte die österreichische Produktion ankurbeln", sagt die Quereinsteigerin, die Ab-Hof-Verkäufe und Biomärkte propagiert.

Was bei aller Renaissance noch immer fehlt, sind umfassende Inhalts- und Nährwertanalysen der vielen verschiedenen Sorten. Gelder für ein solches Forschungsprojekt sind Lichteneckers größter Wunsch. Bis es vielleicht so weit ist, bestellt die Kürbisfrau ihre seltenen Sorten auf eigene Rechnung dort, wo der Kürbis und auch sie ursprünglich herkommen, in den USA, bei Chinese Selected Seeds in Maine - via Internet. "Diese Farbe mag ich besonders", sagt sie über den blassgrünen Kürbis aus der Familie der Maxima, den sie andächtig in ihrem Schoß hält.

Wie immer, wenn sie konzentriert spricht, hat Penelope Lichtenecker die Augen geschlossen: "Kürbis-Tante wollte mich ein Journalist kürzlich nennen", sagt sie, öffnet die Augen und lacht. Päpstin will sie auch keine sein. "Prophetin", findet sie, " würde passen." Und tatsächlich: Diese Frau und ihr Kürbiswissen sind eine Offenbarung. (Mia Eidlhuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 9. 2003)

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