In Gehrers Welt

14. Oktober 2003, 20:03
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Den Universitäten ist es finanziell noch nie so mies gegangen, Vorlesungen werden aus Geldmangel gestrichen, das Lehrpersonal wird systematisch ausgedünnt, die Grundlagenforschung muss um jeden Euro betteln, die morsche Bausubstanz - beispielsweise am Neuen Institutsgebäude in Wien - wird erst saniert, wenn buchstäblich die Deckenwände einbrechen: Kein Anlass zur Besorgnis, findet Bildungsministerin Elisabeth Gehrer.

Alles in bester Ordnung, Geld sei genug vorhanden, es müsse von den Rektoren und Professoren, die jetzt ihr Budget eigenhändig verwalten dürfen, nur adäquat eingesetzt werden. Mindestens 250 Millionen Euro müssten lockergemacht werden, um wenigstens die ärgsten Lücken zu stopfen, rechnen dagegen Studienvertreter der Ministerin vor - aber auf die hat Gehrer ja noch nie gehört. Die zählt sie wohl ebenfalls zu jenen "organisierten Erregern", die einfach nicht einsehen wollen, mit welcher Um- und Weitsicht diese Regierung nachhaltige Bildungspolitik betreibt.

Beides, diese Politik und ihre Art der Darstellung, hat System. Zuerst wird im alles verzeihenden Namen der Budgetsanierung ein Mangel geschaffen, den die Universitäten dann großzügig unter dem Titel der Vollrechtsfähigkeit selbst verwalten dürfen. Dann wird der Diskurs darüber verweigert und der Chor der Protestierer in gute eingeteilt, die sich eben zähneknirschend arrangieren, und böse, die sich erregt organisieren, um von Gehrer als organisierte Erreger abgestempelt und nicht weiter ernst genommen zu werden. Für Gehrer ist die Welt nicht die Summe der Tatsachen, sondern der Dinge, die sie wahrzunehmen bereit ist - und zwar ausschließlich dieser. Aber damit steht sie in dieser Regierung ja nicht alleine da. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 9. 2003)

Kommentar von Samo Kobenter
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