Gläserne Klunker, essigsauer eingelegt

15. Jänner 2004, 09:11
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Klaus Pohls "Kanari" in den Kammerspielen

Wien - Im goldglänzenden Herbst seiner Karriere erhält Otto Schenk ein Widmungsrührstück geschenkt: eine sentimentale Scharteke aus dem tintenklecksenden 21. Säkulum, das der ungeheuerlichen Verbrechen im vorausgehenden 20. nur noch milde nachhallend gedenkt - wie einer fernen Unleidlichkeit.

Man spricht ein sorgfältiges Emigrantendeutsch in der 47. Straße, die Rolf Langenfass in die Kammerspiele gebaut hat. Im New Yorker Gassenlokal eines jüdischen Diamantenschleifers werden die kleinen Abschiedswehleidigkeiten unbeholfener Business-people wie Rohlinge bestaunt: eine Art 1000-Facetten-Feinschliff im Smaragdgarten heimwehkranker Seelen.

Kanari, die nunmehr vierte Premiere im atemlosen Auftaktgeklapper der Josefstadt-Ära Gratzer, stammt aus der Feder des in New York ansässigen Charakterkopfes Klaus Pohl (51). Schenk sitzt stramm im Dreiteiler, hält als Schleifkünstler Grünebaum am Katzentisch eine gallig übersäuerte Salzhering-Brotzeit und kleidet sich patzig in die Rolle des streichkäseweichen Opapas, dem ein Jeans-Lehrmädchen (Eva Maria Neubauer) die Vision einer unerhörten, unerlaubten Altersgeilheit eingibt. Dieser Grünebaum wäre eigentlich zur heroischen Verzichtsleistung eines Hans Sachs bestimmt. Ein Goethe-Lustgreisenschicksal: eine Tröpferlbader Elegie.

In Isabella Gregors Regie werden überzuckerte Klischeefiguren auf dem Boulevard der Menschenfreundlichkeit streichelweich spazieren geführt: zum Liebhaben. Was für einen Mimen wie Gideon Singer (als Diamantenkompagnon) natürlich unbedenklich gilt. "Rosenmarmelade!", heißt es gleich zu Stückbeginn. Sauermilchkäse, möchte man hinzufügen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 22.9.2003)

Von
Ronald Pohl
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    Otto Schenk als Siggi Grünebaum und Eva Maria Neubauer als Elfie Schneider, während einer Fotoprobe zum Stück „Kanari“ von Klaus Pohl.

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