Das Ende der Familie?

20. September 2003, 14:01
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Der Funktionswandel des Zusammenlebens in den westlichen Gesellschaften schreitet rapid voran - daran vermag auch herkömmliche Familienpolitik nichts zu ändern. Insbesondere wenn Migration neue Tatsachen schafft.

Die moderne Familienforschung verzeichnete in den vergangenen Jahrzehnten einen großen Aufschwung. Dies ist kein Zufall, denn die herkömmliche Familienform ist großen Belastungen ausgesetzt. Sie räumte mit manchen Mystifizierungen auf, etwa mit jener, dass es "die" Familie schlechthin gibt, indem sie darauf hinweist, dass im Verlauf der Menschheitsgeschichte unterschiedliche Formen von Familie praktiziert worden sind und dass die jeweilige Familienform Resultat eines komplexen Geflechtes von ökonomischen, sozialen und kulturellen Beziehungen darstellt.

Des Weiteren kam sie zu dem Schluss, dass in der Vergangenheit im westlichen Europa ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung von einer Familiengründung ausgeschlossen war (weibliche und männliche SklavInnen, Knechte und Mägde etc.). Darüber hinaus stellt sie nachdrücklich in Frage, dass die Familie den natürlichen Rahmen der Fortpflanzung bildet, wenn sie etwa darauf verweist, dass im bäuerlichen Milieu Oberkärntens im 19. Jahrhundert zwei Drittel der Geburten außerhalb einer Familie verzeichnet wurden.

Funktionserfüllung

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der historischen Familienforschung ist die Einsicht, dass es die Familie deshalb gibt, weil sie bestimmte Funktionen zu erfüllen hatte. Diese waren und sind in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich gewichtet.

Eine der wichtigsten war die Versorgung der Alten durch die Jungen: Nicht eine genetisch bedingte Anlage treibt die Menschen zur Fortpflanzung, sondern die Sorge um ihre Absicherung in Alter und Krankheit. Eine weitere Grundfunktion war die der Sozialisierung und Ausbildung der Nachkommenschaft in der Zeit vor der Einführung des obligaten Schulunterrichts oder der außerhäuslichen Berufsausbildung. Die Familie stellte darüber hinaus eine wirtschaftliche Gemeinschaft dar, die sicherstellte, dass alle Mitglieder unabhängig von ihrem jeweiligen Beitrag zum Gesamtwohl hinreichend versorgt und die Güter geregelt an die nächste Generation weitergegeben wurden.

Religiöse Kultgemeinschaft

In vielen Gesellschaften bildete die Familie auch eine religiöse Kultgemeinschaft mit einem Haushaltsvorstand, der quasipriesterliche Funktion ausübte. Ihm wurden vielfach auch richterliche Funktionen über die Familienmitglieder zuerkannt, die mitunter sogar Todesurteile beinhalteten. In Gesellschaften schließlich, in denen die Verehrung der männlichen Ahnen wichtig war - wie etwa in den Balkangebieten -, bildete die Familie das exklusive Medium zur Fortsetzung der männlichen Linie. Diese Funktionszuschreibungen waren solange von Bedeutung, bis sie öffentlichen Institution bzw. dem modernen Sozialstaat übertragen wurden. Es ist kein Zufall, dass in Österreich seit den frühen Siebzigerjahren mit dem Ausbau des Sozialstaats das traditionelle Familienbild ins Wanken geraten ist. Seither steht das Ende der Familie zur Diskussion. Dies war in Europa nicht überall und schon gar nicht überall gleichzeitig der Fall. Die Balkangebiete sind ein erkenntnisreiches Beispiel dafür.

Stellenwert je nach Kultur

Der Verlauf der historischen Entwicklung brachte es hier mit sich, dass die Familie heute noch einen weitaus höheren Stellenwert genießt als in Westeuropa. Die meisten Balkanregionen hatten rund ein halbes Jahrtausend unter der Herrschaft des Osmanischen Reichs gestanden, und speziell der nichtmuslimischen Bevölkerung hatte dieser Staat wenig an Leistungen zu bieten. Daher war sie auf ihre familialen und verwandtschaftlichen Netzwerke angewiesen, wenn es um die Sicherstellung der menschlichen Grundbedürfnisse ging: Schutz, Herstellung von Recht und Gerechtigkeit oder Versorgung im Alter.

Die Familie hatte die oben erwähnten Funktionen in reichlichem Maß zu erfüllen. Die Familienbande waren daher sehr eng geknüpft, was auch auf die engere und weitere Verwandtschaft übertragen wurde. Vielfach entstanden umfangreiche Verbände, die an Mitgliederzahl überschritten. Eine patriarchale Familienideologie war die Folge, die allergrößten Wert auf die Fortsetzung der männlichen Linie legte, selbst um den Preis, dass notfalls eine Tochter zum Sohn erklärt wurde. Eingeheiratete Schwiegersöhne stellten ebenso eine Notlösung dar und waren von niederem sozialem Rang.

Mindere Stellung von Frauen

Die mindere Stellung von Frauen in der traditionellen Balkanfamilie äußerte sich darin, dass sie immer in den Haushalt des Bräutigams einheiraten mussten und vom Erbe an der wichtigsten Ressource in einer agrarischen Gesellschaft - Grund und Boden, Haus und Hof - ausgeschlossen waren, selbst wenn es keine unmittelbaren männlichen Nachkommen gab. Die alten Männer nahmen eine Sonderstellung ein: Sie geboten über das Haushaltsvermögen und bestimmten die Bräute und Bräutigame ihrer Söhne und Töchter. Heirat und Familiengründung galten als unbedingte Pflicht; Unverheiratete waren kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.

Erst die kommunistischen Regierungen nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich ernsthaft daran, die traditionelle patriarchale Familienstruktur aufzulösen. Denn diese bildeten ein ernsthaftes Hindernis für den Aufbau einer "neuen" Gesellschaft in sozialistischem Sinne. Eine moderne Familiengesetzgebung sollte der Herstellung von Gleichberechtigung von Mann und Frau dienen; die massiv betriebene Industrialisierung hatte eine starke Abwanderung vom Land in die Industriezentren zur Folge. Die moderne Arbeiterfamilie wurde zum neuen gesellschaftlichen Idol erhoben und die traditionelle Familie mit Verachtung gestraft.

Wenngleich diese Anstrengungen vielfach von der Bevölkerung unterlaufen wurden, hatte die Modernisierungspolitik dennoch teilweise ihre beabsichtigten Folgen, da der sozialistische Staat etliche der zentralen Familienfunktionen übernahm. Die Alten wurden mit Pensionen versorgt; ein modernes Schulwesen und Kinderbetreuungseinrichtungen schufen außerhäusliche Sozialisationsformen; die Frauen wurden in den Arbeitsprozess integriert und verfügten über ein eigenes Einkommen. Am Ende der sozialistischen Ära (1989/91) überlappten sich die traditionelle und die moderne Familienordnung bereits sehr stark.

Arbeitsmigration

Insbesondere in der Arbeitsmigration bleiben traditionelle Familienbilder stärker bestehen. Das äußert sich etwa darin, dass die meist jungen männlichen Arbeiter es als ihre Pflicht ansehen, einen bedeutenden Anteil ihrer mühsam erarbeiteten Ersparnisse an ihre Familienmitglieder auf dem Balkan (oder in die Türkei) weiterzuleiten.

In zunehmendem Maß - vielfach durch die jeweilige Gesetzeslage ermöglicht - erfolgt die Arbeitsmigration aber mit Familienangehörigen. Die Familie hat in der Migrationssituation eine außergewöhnliche Bedeutung. Sie bietet ihren Mitgliedern Rückhalt und Vertrautheit in einer fremden Umgebung. Die Kinder, durch den Besuch der Schule mit der Sprache des Migrationslandes vertraut, dienen als MittlerInnen zu den Behörden und werden als Hoffnung für die Versorgung im Alter angesehen.

Familien in Migration werden mit den Familienvorstellungen ihrer neuen Umgebung konfrontiert - sei es, dass ihr traditionelles Familienbild von dem eines modernen Familienrechts kontrastiert wird, sei es, dass sie eine große Zahl an auseinanderdriftenden Familien vorfinden. Mit Entsetzen registrieren sie die hohen Scheidungsziffern, den losen Umgang der Generationen miteinander, das aus ihrer Sicht freizügige Verhalten von Frauen in der Öffentlichkeit und den Umgang unserer Gesellschaft mit den Alten. Sich selbst in einer prekären sozialen Situation befindend, bedauern sie diesbezüglich unsere Gesellschaft.

Familienpolitik

Der Vergleich lässt folgende Schlussfolgerungen zu: Familie bedarf funktioneller Begründungen. Herkömmliche Familienpolitik vermeint, sie in der Berufung auf traditionelle Familienwerte bei gleichzeitiger Rückbildung des Sozialstaats finden zu können. Eine moderne Familienpolitik wird auf den Ausbau des Sozialstaats pochen, der einen Rahmen für neue Familien- und Zusammenlebensformen bildet - Lebensabschnittspartnerschaften, RentnerInnenkonkubinate, soziale und biologische Elternschaften - und vor allem Frauen bessere Entfaltungsmöglichkeiten als bisher bietet.

Eine solche Familienpolitik ist aber auch Zuwanderungspolitik. Familien in Migration leisten nicht nur einen Beitrag zur Aufrechterhaltung des Pensionssystems im Gastland, sondern tragen auch wesentlich zu einem guten gesellschaftlichen Mix an unterschiedlichen Beziehungs- und Familienvorstellungen bei. (DER STANDARD, Printausgabe 20./21.09.2003)

Von Karl Kaser
o. Univ.-Prof. für Südosteuropäische Geschichte sowie Direktor des "Center for the Study of Balkan Societies and Cultures" an der Universität Graz. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Rolle von Familie und Verwandtschaft im interkulturellen Vergleich.
  • Die herkömmliche Familienform ist im Schwinden.
    foto: standard/cremer
    Die herkömmliche Familienform ist im Schwinden.
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