Kein DNA-Test nach der Verurteilung

23. September 2003, 12:22
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Nachträgliche Tests hatten für 137 US-Häftlinge die Unschuld bewiesen - die Frist alter Fälle läuft am 1. Oktober ab - mit Kommentar

Washington/Tallahassee - Für 137 US-Häftlinge öffneten sich in den vergangenen 15 Jahren die Gefängnistore vor der Zeit: Nachträgliche DNA-Tests hatten ihre Unschuld bewiesen. Im US-Bundesstaat Florida gibt es diese Chance bald nicht mehr. Ab dem 1. Oktober sollen nachträgliche Tests nicht mehr vor Gericht zugelassen werden.

Die Staatsanwälte gestehen zwar die Verlässlichkeit der Untersuchungen ein, sind aber auch in anderen Bundesstaaten zunehmend skeptisch, wenn andere belastende Indizien existieren. Rechtsanwälte kontern, dass die Anklagebehörde Verurteilungen sehr wohl einzig auf DNA-Proben aufbauen.

Tatortspuren mit Erbmaterial vegleichen

In Florida entschied das Parlament im Jahr 2001, ein zweijähriges Zeitfenster zu öffnen, in denen Verurteilte die Möglichkeit hatten, Tatortspuren mit ihrem Erbmaterial vergleichen zu lassen. Ein Problem dabei: Außer bei Todesstrafen können biologische Beweise nach einer Verurteilung vernichtet werden.

In den übrigen US-Bundesstaaten ist die Sichtweise höchst unterschiedlich: Während etwa in New York oder Illinois die Anklagebehörden diese Tests bereitwillig zulassen, wehren sich die Staatsanwälte in Alabama, Colorado oder Louisiana heftig.

Die New York Times berichtet von einem besonders umstrittenen Fall in Florida. Ein mutmaßlicher Vergewaltiger wurde 1981 verurteilt, einziges physisches Beweisstück waren zwei hellbraune Haare aus dem Bett des 17-jährigen Opfers, die mikroskopisch untersucht wurden. Mittlerweile ergab der DNA-Test, das die Haare weder von dem Mädchen, seinen Verwandten noch vom Verurteilten stammen.

Die Staatsanwaltschaft wehrt sich dennoch gegen einen neuen Prozess. Die Begründung: Der Mann sei vom Opfer identifiziert worden, er habe einem Mithäftling die Tat nebenbei gestanden, und Hunde hätten drei Monate nach der Tat bei einem Duft-vergleichstest angeschlagen.

Diese Argumentation hat jedoch Lücken, berichtet die NYT. Denn das Opfer beschrieb ihren Vergewaltiger bei der ersten Einvernahme als 1,82 Meter großen, rund 90 Kilogramm schweren Mann mit wenig Haaren. Der Inhaftierte ist mehr als 15 Zentimeter kleiner, wog bei seiner Verhaftung nur 57 Kilogramm und trägt noch immer volles Haupthaar. Der belastende Mithäftling erhielt eine Strafreduktion um 120 Jahre, seine Frau einen von der Polizei konfiszierten Wagen - und die Hundetests werden mittlerweile von mehreren Gerichten nicht mehr zugelassen. (moe, DER STANDARD Printausgabe 20/21.9.2003)

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