Streit um Gutachterethik

22. September 2003, 21:04
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Klagenfurterin, die nach brutalen Schlägen Dauerschäden an der Wirbelsäule hat, wird vom Bundessozialamt keine Entschädigung bezahlt

Klagenfurt - Schlechte Aussichten für jenes Kärntner Verbrechensopfer, das seit zehn Jahren auf eine Einschädigung wartet. Aus dem Sozialministerium war zu erfahren, dass die Frau aufgrund der bisherigen Amtsgutachten kein Geld zu erwarten hat.

Ein Gutachten des renommierten Wiener Neurologen Franz Gerstenbrand, das eine Dauerschädigung der Halswirbelsäule feststellt, interessiert die Gutachter im Sozialministerium nicht. "Aus dem, was uns bisher von unseren eigenen Ärzten vorliegt, geht hervor, dass keine Folgeschäden mehr vorhanden sind", sagt der zuständige Sachbearbeiter Robert Wisböck.

Irreparable Schäden

Isabella M. hat zwar ein Gerichtsurteil in Händen, das an ihrer Halswirbelsäule irreparable Schäden mit Dauerfolgen durch brutale Schläge feststellt. Dieses bezieht sich aber nur auf die Zeit von 1993 bis 1995. Das Urteil hatte M. in einem achtjährigen Prozessmarathon erstritten.

Die heute 49-jährige Klagenfurterin war 1993 nach einem Vernissagebesuch in Krumpendorf niedergeschlagen und schwer verletzt worden (DER STANDARD berichtete). Danach musste die Versicherungskauffrau den Beruf aufgeben. Seit 1996 lebt sie von einer kleinen Invaliditätspension.

Keine Fachleute Für den Neurologen Franz Gerstenbrand sind die für die Frau negativen Gutachten aus dem Bundessozialamt (BSA) "nicht nachvollziehbar". "Da werden Maßstäbe angewandt, die gar keine fachliche Gültigkeit mehr haben." Es gebe Belege, wonach die beiden kaputten Halswirbel vor dem brutalen Schlag völlig gesund gewesen seien. Gerstenbrand: "Leider werden bei solchen Fällen häufig Gutachter eingesetzt, die gar nicht die fachlichen Voraussetzungen dafür haben. Das ist unethisch."

Isabella M. ist nun fast am Ende ihrer Kraft. Vor allem ihrer finanziellen. Weiterkämpfen will sie trotzdem: "Es schaut so aus, als wollte man mich neuerlich in eine mir finanziell nicht mehr mögliche Gutachterschlacht zwingen. Die PVA hat mich 1996 in die Frührente geschickt. Mit einem Gutachten, das meine Berufsunfähigkeit seit dem Gewaltakt untermauert. Das BSA aber findet, ich sei seit 1995 gesund. Das ist absurd." Im Sozialministerium will man nun auf ein weiteres orthopädisches Gutachten warten. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD Printausgabe 20/21.9.2003)

Einer Klagenfurterin, die nach brutalen Schlägen Dauerschäden an der Halswirbelsäule hat, wird vom Bundessozialamt weiterhin keine Entschädigung ausbezahlt. Ein Experte bezeichnet die Vorgangsweise als unethisch.
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