"Du heiratest eh einmal"

19. September 2003, 20:19
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Die Studie "Frauen ab 50 in Oberösterreich" belegt Kluft zwischen Wünschen und Realität

Wie entwickelten sich Lebensentwürfe und Alltagsrealitäten von Frauen, die heute fünfzig Jahre und älter sind? Welche Lebensvorstellungen hatten sie und was davon konnten sie umsetzen? Welche Faktoren beeinflussten ihre Entwicklungen privat wie beruflich? Diesen Fragen ging in einer qualitativen Studie das Institut für Frauen- und Geschlechterforschung der Johannes Kepler Universität Linz nach.

Grundlagen der Studie

Die Studie stellt eine inhaltliche Erweiterung zum Frauenbericht 2002 "Frauenleben in Oberösterreich" dar. Die Teilnehmerinnen der Studie sprachen über Lebensbereiche wie Erwerbswelt, Beziehungen, Familie, ökonomische Bedingungen, Freizeit, Gesundheit, Sexualität, Fragen des Älterwerdens oder Zukunftsperspektiven.

Methoden

Die Erhebung erfolgte sowohl in Einzel- und Gruppeninterviews mit Frauen als auch in themenzentrierten Workshops, in denen VertreterInnen aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Kultur, Arbeitswelt, Soziales, Gesundheit, Freizeit und Familie ihre Erfahrungen mit der zu untersuchenden Zielgruppe darstellten. Dabei wurden drei Regionen ausgewählt: Salzkammergut (ländliche Tourismusregion), Innviertel (Agrarregion) und Linz (Stadtgebiet). An der Studie nahmen insgesamt 98 Frauen und Männer teil, wovon 61 Frauen über 50, die an Einzel- und Gruppengesprächen teilnahmen, waren und 37 Befragte aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Kultur, Arbeitswelt, Soziales etc. kamen.

Alter und Familienstand

Der Anteil der älteren Personen wird weiter steigen. Waren im Jahr 2000 20 Prozent der BewohnerInnen Oberösterreichs über 60 Jahre alt, so werden im Jahr 2030 voraussichtlich 33 Prozent und 2050 schon 35 Prozent über 60 sein. Von den Oberösterreicherinnen ab 50 sind 8 Prozent ledig, 53 Prozent verheiratet, 31 Prozent verwitwet und 7 Prozent geschieden.

Schulbildung

63 Prozent der in Oberösterreich lebenden Frauen ab 50 haben maximal die Pflichtschule abgeschlossen, weitere 20 Prozent verfügen über einen Lehrabschluss. Nur 17 Prozent der Frauen ab 50 haben eine Ausbildung an einer Fachschule, einer höheren Schule oder einer Hochschule abgeschlossen.

Lebensunterhalt

Beinahe ein Fünftel der Oberösterreicherinnen ab 50 verfügt über keine eigenständigen Einkünfte. In der Gruppe der 50- bis 59-jährigen liegt dieser Anteil sogar bei 28 Prozent, in der Gruppe der 60- bis 69-jährigen bei 20 Prozent und in der Gruppe der Frauen ab 70 bei 11 Prozent.

Erwerbstätigkeit

Im Jahresdurchschnitt 2001 gingen 659.812 OberösterreicherInnen einer Erwerbstätigkeit nach, davon waren 42,8 Prozent Frauen und 57,2 Prozent Männer. Bezogen auf alle Erwerbstätigen betrug der Anteil der Erwerbstätigen ab 50 in Oberösterreich 16,7 Prozent, davon waren 37,6 Prozent Frauen und 62,4 Prozent Männer.

Einkommen

Vergleicht man die Medianeinkommen der unselbstständig erwerbstätigen OberösterreicherInnen im Jahr 2001, so zeigen sich erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Am geringsten sind die Einkommensunterschiede bei den jüngeren ArbeitnehmerInnen. Doch selbst bei den bis Neunzehnjährigen liegen die Einkommen der Frauen nur bei 82 Prozent der Einkommen der Männer. Mit zunehmendem Alter vergrößern sich die Einkommensunterschiede. Bei den Erwerbstätigen ab 60 beträgt das Medianeinkommen der Frauen nur noch 37 Prozent des Medianeinkommens der Männer. Diese Ungleichheit setzt sich bei den Pensionseinkommen fort.

Lebensplanung

Zu einem der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung zählt, dass die wenigsten Frauen eine Lebensplanung hatten. Alle Teilnehmerinnen hatten jedoch klare Vorstellungen, Wünsche und Phantasien im Hinblick auf Karriere und Beruf. Erst an zweiter Stelle wurden Wünsche bezüglich Familie artikuliert.

Berufsvorstellungen

Wie bereits festgehalten, hatten alle Frauen klare Vorstellungen von Beruf und Karriere und wollten aus Interesse und Neugier erwerbstätig werden. Jedoch waren sie am Weg der Umsetzung mit zahlreichen Barrieren konfrontiert, die auf gesellschaftliche männliche und weibliche Rollenzuschreibungen zurückzuführen sind. Den wenigsten Interviewpartnerinnen gelang es, ihre Karrierevorstellungen zu realisieren.

Entscheidend für die Berufsbiographie der Teilnehmerinnen war die Einstellung ihrer Eltern. Am wenigsten 'Verständnis' für Autonomie und Berufsvorstellungen der Töchter gab es in landwirtschaftlichen Strukturen. Dort wurde die geschlechtsspezifische Rollenverteilung am deutlichsten sichtbar.

Kein eigenes Geld zu verdienen wurde vielen Frauen im Laufe der Jahre zum Verhängnis. Insbesondere Frauen, die ausschließlich Hausarbeiten und Kinderbetreuung nachgingen erzählen von Abhängigkeiten und mangelndem Selbstwertgefühl.

Zufriedenheit und Wünsche

Die Zufriedenheiten und Wünsche können auch als eine Geschichte vom 'verordneten Glück' gelesen werden. Was auch immer geschah, die Frauen 'müssen zufrieden' sein. Gleichgültig, ob es um finanzielle Absicherung, um Gesundheit oder Beziehungswünsche geht. Die Wünsche und Vorstellungen wurden soweit reduziert, dass sie mit Vorhandenem zufrieden sein können.

Es zeigte sich, dass sich die Wünsche der befragten Frauen im Laufe des Lebens veränderten. Während die einstigen Wünsche der Frauen vor allem berufliche Ambitionen betrafen, bezogen sich ihre Wünsche für die Gegenwart vor allem auf die Bereiche Familie, Gesundheit und Reisen. In den Abschnitten 'Zufriedenheit' und 'Wünsche' zeigt sich untrüglich die Einstellung von Frauen, für andere dazusein und für sich selber keine Ansprüche zu stellen oder Freiräume füllen zu wollen.

Beziehungen

Die Erzählungen der Interviewpartnerinnen veranschaulichen die drastische Verknüpfung von Beziehung, Ökonomie und Abhängigkeiten. Für viele verlief das Familienleben anders als gedacht. Dort wo Frauen ökonomisch abhängig sind und keine Alternativen zu ihren Beziehungen sehen, erleben sie auch am meisten Demütigung und Unzufriedenheit. Jene die Alternativen haben, können andere Entscheidungen für sich und ihre Kinder treffen. Unabhängigere Frauen sind auch in ihren Beziehungen zufriedener, weil sie mehr Anerkennung genießen und weniger Demütigung erleben. (red)

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