"Tricks": Kontrollfreak am Rande des Nervenzusammenbruchs

19. Juli 2004, 12:26
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Nicolas Cage brilliert als höchst neurotischer Trickbetrüger in Ridley Scotts souverändem kleinen Meisterwerk "Tricks"

Eine Glanzrolle für Nicolas Cage: Als neurotischer Trickbetrüger liefert er in Ridley Scotts jüngstem Film "Tricks" / "Matchstick Men" komische kleine Solonummern und einen überraschend erfreulichen Beitrag zum Auftakt der Kino-Herbstsaison.


Wien - Roy Waller (Nicholas Cage) führt Leute hinters Licht. Er verspricht Hauptgewinne, verkauft überteuerte Haushaltsgeräte, um den derart Geschädigten dann als falscher Steuerfahnder noch zusätzlich Geld abzuluchsen. Auf diesem Gebiet ist Roy ein As. Zu Hause in seinem abgedunkelten Bungalow offenbart sich zu alten Ratpack-Songs eine andere Persönlichkeit: Da herrscht penible Ordnung. Und gleißendes Sonnenlicht oder Brösel auf dem Spannteppich machen aus dem ausgefuchsten Trickbetrüger ganz schnell ein hilfloses Nervenbündel.

Wir sind im Kino. Der Film von Ridley Scott heißt Tricks (Matchstick Men). "One, two, three" heißt die eine Beschwörungsformel, mit der Roy die Türen öffnet. "Sie haben gewonnen!" eine andere. Was sich hinter der Tür auftut, entzieht sich jedoch häufig der Kontrolle. Und eine wie hier in pointierten Zügen etablierte, krisenhafte Ausgangssituation deutet bereits auf eine zu erwartende, entscheidende Wendung hin: Die Veränderung tritt in Gestalt eines Teenagers in Roys Leben.

Angela (Alison Lohman), eine aufgeweckte Vierzehnjährige, ist Roys Tochter, die einst nach der Trennung von seiner Lebensgefährtin geboren wurde und die er nie zuvor gesehen hat. Angela ist eigenwillig, laut und verstößt mit ihren Gewohnheiten nicht nur gegen Roys obsessiven Reinlichkeitssinn.

Zwischen den beiden ungleichen Charakteren entwickelt sich trotzdem eine Beziehung. Entscheidend ist dabei weniger die Glaubwürdigkeit dieser relativ unkompliziert scheinenden, verspäteten Familienzusammenführung als vielmehr das Zusammenwirken von Cage und Lohman.

Hollywoodgöre

Letztere spielt sich mit ihrer lebhaften Darstellung inklusive Stimmungsschwankungen und plötzlichen Gefühlsausbrüchen in eine Reihe mit (ehemaligen) Hollywoodgören wie Christina Ricci oder Thora Birch. Nicolas Cage hat nach langen Jahren und zahllosen Actionfilmen (zuletzt etwa Windtalkers oder Gone In Sixty Seconds) erst kürzlich als ungleiches Zwillingspaar in Spike Jonzes Adaptation eine erfreulichere Richtung in seiner Karriere eingeschlagen.

Wie schon dort kommt auch in Tricks die angeknackste Figur Cages Hang zu Manierismen und Überzeichnung sichtlich entgegen: Roys Wortgewandtheit und seine physische Unruhe - Resultat zahlloser Phobien und Tics - bieten reichlich Gelegenheit für komische kleine Solonummern beim Psychiater und andere schauspielerische Eskapaden.

Das Genre liefert den Rahmen für den Selbstdarsteller. Koautor Ted Griffin hat zuvor beispielsweise das Drehbuch zu Steven Soderberghs Ocean's Eleven geschrieben. Tricks bewegt sich nun in jener Subgattung des Caper Movies, in der nicht die großen, oft international und mit Spezialistenteams agierenden Meisterdiebe zu Hause sind, sondern eher das mittelständische Bodenpersonal der Zunft agiert und seinesgleichen ausnimmt. (Gregory Moshers hierzulande nie gestartete The Prime Gig etwa lieferte vor drei Jahren ein ähnlich gebautes, schönes Gaunerstück aus der Welt der Pyramidenspiele.)

In Tricks wird alsbald auch Angela, zunächst mehr spielerisch, dann ernsthaft Teil jenes Plans, der als klassischer Ausstiegscoup für Roy fungieren soll. Im Verein mit seinem Partner Frank (Sam Rockwell) hat er einen gutgläubigen Herrn dazu gebracht, ihm sein Schwarzgeld für eine vermeintlich lukrative Devisentransaktion auszuhändigen.

Angela muss im entscheidenden Moment für ein Ablenkungsmanöver sorgen. Doch der Plan läuft - wie es in solchen Fällen oft geschieht - ganz gehörig aus dem Ruder. Der Kontrollverlust, der für Roy allmähliche Befreiung aus dem Gefängnis seiner Phobien bedeutet, erweist sich auf professioneller Ebene als lebensbedrohlich.

Hintergründig

Kontrollverlust ist allerdings auch diesseits der Leinwand, beim Zuschauen, gefordert: Tricks ist nämlich im besten Sinne auch ein klassischer Hollywoodfilm. Die Konstruiertheit des hintergründigen Plots wird hier gemäß dem Reglement der Illusionsmaschinerie fortwährend zum Verschwinden gebracht (und spätestens mit dem Ende wird dieser Umstand auch noch sozusagen selbstreflexiv kommentiert).

In erster Linie geschieht dies wie gesagt durch die Darsteller, in zweiter Linie durch eine überraschend gelassene Inszenierung, die die Aufgeblasenheit (und inhaltliche Fragwürdigkeit) von Scotts vorherigen Filmen Black Hawk Down, Gladiator oder G. I. Jane weit hinter sich gelassen hat. Kein Hollywood-Blockbuster also, sondern ein souveränes kleines Meisterstück zum schönen Auftakt für den Kinoherbst.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2003)

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