Blatt für Charly

26. September 2003, 19:37
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Vor ein paar Tagen war in der Kulturhauptstadt so nebenbei von ihm die Rede. Und meistens sind jene Menschen, von denen nur hin und wieder und ganz nebenbei die Rede ist, nicht eben die unwichtigsten.

So darf mit aller Bestimmtheit gesagt werden, dass die diesjährige Kulturhauptstadt ganz gewiss keine solche wäre, hätte es Charly nicht gegeben, der mit vollem Namen Karl Hans Haysen hieß.

Pikanterweise war der Mann, der das geistige Klima und das kulturpolitische Geschehen in Graz wesentlich geprägt hat, ein Wiener. Was man dem grazilen Pykniker, der sogar im Sitzen noch unruhig zu tänzeln verstand, schon vom Weiten ansah. Johann Nestroy hätte ihn erschaffen haben können:

Sein Outfit mit schmalem, schwarzem, schwungvoll zum Mäschchen gebundenem Samtband, das bald in Karos, bald in eigenwilligen Mustern prangende Samtgilet unter dem Sakko und die meist ebenfalls karierte Hose ließen in ihm alles eher vermuten als einen entschlossenen Vorkämpfer der Moderne.

Zumal eine seiner Domänen als Kulturredakteur der Kleinen Zeitung neben der Berichterstattung über bildende Kunst paradoxerweise auch noch die Operette war. Ein Metier, in dem der charmante Herr, der mit näselnder Stimme ein Bonmot nach dem anderen von sich gab, jederzeit auch auf der Bühne beste Figur gemacht hätte.

Doch Charly spielte seine Hauptrollen, die er sich meist selbst übertrug, überwiegend hinter den Kulissen. Und dies mit geradezu virtuoser Brillanz. Seine öffentlichen Auftritte erfolgten meist in knapper Form. Was er zu sagen hatte, fasste er in wenige kursiv gesetzte Zeilen, die er mit dem Pseudonym Ypsilon zeichnete.

Und dieses Wörtchen Ypsilon hatte unter allen, die in der Steiermark in Kunst und Kulturpolitik was zu sagen und zu machen hatten, die magische Kraft, wie man sie sonst nur vom Z in alten Zorro-Filmen kennt: Um dieses Ypsilon kam einfach keiner herum.

Das Geheimnis von Charlys Macht lag in seinen Kontakten und in seiner Gabe, solche zu schließen. Wer in Graz etwas wollte oder etwas oder einen nicht wollte, wandte sich an ihn. In seinem Redaktionszimmer gaben sich die jungen Künstler - Gerhard Moswitzer, Wolfgang Hollegha, Fritz Hartlauer, Hermann Painitz, Hans Staudacher - die Klinke in die Hand. Und in verrauchten Extrazimmern kleiner Wirtshäuser berieten Politiker aller Couleurs über den weiteren Verbleib oder die Ablösung von Theaterintendanten.

Auch das Forum Stadtpark gäbe es nicht, wäre Charly nicht gewesen. Erst sein Brandartikel führte zur Genehmigung des Baus. Und ohne Charlys markante kulturpolitische Einwürfe gäbe es auch keinen steirischen herbst, der soeben zum 35. Mal seinen Anfang nimmt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2003)

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