Kampfsportler in die erste Reihe!

19. September 2003, 19:57
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Farin Urlaub, Kopf der deutschen Fun-Punk-Gruppe "Die Ärzte", im STANDARD-Interview

Am 29. September erscheint "Geräusch" - das jüngste Album der deutschen Fun-Punk-Gruppe "Die Ärzte", der laut Eigendefinition "besten Band der Welt". Farin Urlaub, Mitbegründer, Sänger, Gitarrist, Texter und Songwriter, meint dazu im Gespräch mit Claus Philipp und Christian Schachinger: "Jetzt sind wir so weit, dass man uns auch im Feuilleton mal beleuchten kann!"


STANDARD: Bei Harald Schmidt wurde unlängst ruchbar: Die "FAZ" titelt mitunter mit "Ärzte"-Zitaten. Was war das für Sie für eine Wahrnehmung?

Farin Urlaub: Wir siezen uns?! Na, okay, man muss es nur vorher wissen, ist in Ordnung. Das mit den Donaldisten - als die die FAZ mit Zitaten unterwanderten - habe ich ja auch schon begeistert verfolgt. Ich bin ja ein Riesenfan von Frau Doktor Erika Fuchs, die die ganzen Carl-Barks-Geschichten genialst übersetzt hat, Namen eingedeutscht hat, Gundel Gaukelei und so. Das hat mich als Kind völlig fasziniert, wie die Frau mit Sprache umgegangen ist, eine Professorin, die nach dem Krieg keine andere Arbeit gekriegt hat und dann so etwas Niedriges wie Comics übersetzen musste.

Was für ein Glücksgriff! Und als das dann in der FAZ mit uns passiert ist, war das schon eine verdammte Ehre.

STANDARD: Lange Zeit wurden die Ärzte im Feuilleton ja gar nicht wahrgenommen.

Urlaub: Ein Glück! Stell dir vor, sie hätten jedes Wort, das wir mit 15, 16, 17, 18, 19, 20 geschrieben haben, gleich auf die Goldwaage gelegt. Wir waren Punks, die auf Spaß gemacht haben. Hö, hö, hö! Dann überholte die Realität unsere lustige Fiktion und wir wurden tatsächlich Popstars so mit allem: ohnmächtige Teenies, Kreischattacken, Rotkreuz-Großeinsätzen bei Konzerten. Da haben wir uns erst mal aufgelöst. So von wegen: Jetzt reicht's!

Dann haben wir uns 1993 wieder zusammengetan und seit Schrei nach Liebe sind wir, was das Niveau unserer Sprache angeht, so weit, dass man uns mal beleuchten kann.

STANDARD: Andererseits, Werbung und Rezensionen scheint ihr eigentlich nicht zu brauchen. Wenn ihr Konzerte gebt, sind die meist ausverkauft, bevor sie auch nur irgendwo angekündigt werden.

Urlaub: Es ist nicht so, dass wir das nie nötig hatten. Wir waren am Anfang sehr dankbar über jeden positiven Artikel. Es gab ja auch gar nicht so viele. Aber das interessiert einen Musikfan nicht. Die Musik und die Auftritte zählen.

Wir achten immer auf ein vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis bei Eintrittskarten und bei allen Sachen, die wir direkt bei Konzerten oder über die Homepage verkaufen. Bei Tonträgern können wir nur die Vorgabe machen, dass wir sie zum günstigsten Händlerabgabepreis abgeben. Das ist in Deutschland schwierig. Aber wir machen uns halt Gedanken. Und ich glaube, das merken die Leute.

STANDARD: Hat es euch nicht trotzdem gewurmt, dass die Anerkennung der Ärzte außerhalb der Teenie-Presse so lange gedauert hat?

Urlaub: Man ist ja auch eitel, logisch. Manchmal ist es schön ärgerlich, wenn man da mit anderen Bands verglichen wird und es heißt, die sind so wie die Ärzte, aber besser. Nee, das sind sie nicht! Da wir das aber nun schon so lange machen, haben wir die ganzen hochgelobten Kollegen auch alle wieder gehen gesehen. Wir sind immer noch da.

STANDARD: Im Vergleich etwa mit den Einstürzenden Neubauten, die zeitgleich mit euch begonnen haben in Berlin, war es aber wohl für den "ernsthaft" an Musik Interessierten Anfang der 80er klar, dass man Blixa Bargeld hören muss und nicht Farin Urlaub mit "Claudia hat 'nen Schäferhund".

Urlaub: Muss man auch nicht! Ich sage aber, wer Ärzte hört, hat bessere Laune als Leute, die immer nur Einstürzende Neubauten hören. Klar, wichtige Leute, wichtige Band, aber ich finde sie letztlich als Impulsgeber wichtiger als als Musiker. Ich kann mehr mit Depeche Mode anfangen, damit, was die aus den Vorgaben der Neubauten gemacht haben. Da gehen aber wohl die Meinungen auseinander. Stell dir vor, wir würden von allen geliebt! Dann würden wir morgen von allen gehasst.

STANDARD: Euer Publikum wächst offenbar mit euch mit.

Urlaub: Die ersten zehn, zwölf Reihen bei Konzerten sind jung, ein Publikum, das sich als der Teenie im klassischen Wortsinne definieren lässt. Dahinter sind dann teilweise Eltern, ältere Geschwister! Die stehen nicht vorne, weil vorne ist Schlacht. Ich kenne Kampfsportler, denen habe ich erzählt, wie es bei unseren Konzerten abgeht. Haben die gesagt, pass auf, beim nächsten Konzert bin ich ganz vorne. Die sind dann aber nur bis zur vierten Reihe gekommen und haben nachher angerufen: Bist du wahnsinnig, wie geht das?!

STANDARD: "Paule heißt er, ist Bademeister . . .": Textlich hat man oft den Verdacht, die Ärzte würden sich an die Comedian Harmonists ("Veronika der Lenz ist da") anlehnen.

Urlaub: Das war eher am Anfang ein entscheidender Einfluss. Untertones, Buzzcocks, die Spaß-Punkbands - und eben die Comedian Harmonists, damit und mit den Beatles, die bei uns im Elternhaus ständig liefen, bin ich aufgewachsen. Aber ich habe das Gefühl, dass wir uns da rausentwickelt haben. Die zentrale Botschaft der Ärzte lautet: Lass es dir gut gehen! Eine sehr hedonistische Botschaft.

STANDARD: In sozialen Krisensituationen funktionieren Sachen wie Comedian Harmonists oder die Ärzte prächtig.

Urlaub: Klar, als Fluchtpunkte! Im Gegensatz zu den Comedian Harmonists sind wir ja komplett unpolitisch . . . Äh, die sind komplett unpolitisch. Wir sind ja nicht komplett unpolitisch. So rum! Ähem, ich glaube nicht, dass wir als Opium fürs Volk funktionieren. Man kann Schrei nach Liebe spielen und danach Anna P., ein lustiges Lied, wo eine alte Dame umgebracht wird, und man hat völlig andere Publikumsreaktionen. Wir werden schon sehr vielschichtig von den Fans rezipiert.

Wir sind ja keine eindimensionalen Comicsfiguren wie die Metal-Bands. Die kommen geschminkt zum Interview und erzählen übers Kirchenanzünden. Bei uns ist alles gleichzeitig da. Wir sind lustig, albern, aber auch verantwortungsvoll - und super politisch unkorrekt. Ich habe ja auch schon Kritiker erlebt, die meinen, wir würden unser Publikum damit überfordern. Wir überfordern offenbar die, aber nicht unser Publikum.

STANDARD: Was sagt ihr zur kürzlich getätigten Aussage einer österreichischen Ministerin, die heutige Jugend gehe zu viel auf Partys und mache zu wenige Kinder?

Urlaub: Also, ich glaube, dass die Leute zu den Reden dieser Ministerin weniger Sex haben als zu unserer Musik. Wir sorgen für Nachwuchs. So viel ist mal sicher.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2003)

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    Farin Urlaub wurde 1963 unter dem weniger spektakulären Namen Jan Vetter geboren. Als Mitbegründer der Fun-Punk-Band Die Ärzte sorgte er anfangs nicht nur für Spaß, sondern auch für veritable Skandale.

    Dennoch wird etwa sein Song Geschwisterliebe, in dem Radiobehörden eine Verherrlichung von Inzest zu erkennen meinten, immer noch gern auf Konzerten vor- und mitgesungen.

    Zu den letzten Werken der Ärzte zählte zuletzt etwa ein sensationelles MTV-Unplugged-Album, das dazugehörige Video wird immer noch regelmäßig ausgestrahlt und ist die meistverkaufte Musik-DVD in Deutschland.

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