Palatschinkenmond über der Puppenstube

15. Jänner 2004, 09:25
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Hans Gratzer inszeniert Nestroys "Mann, Frau, Kind" im Josefstadt-Theater

Wien - Die Geschichte unter dem Titel Mann, Frau, Kind, über die Johann Nestroy ein paar Kobolde und Feen hingehängt hat, in die Hexen auf reisigen Besen einreiten und aus der sie als Hausbedienstete wieder herausfahren, spielt angeblich im Wald. Auf einer Art Couch, auf der sich ein früh verwitweter Hagestolz und nichtswürdiger Wüstling (Erich Schleyer) zum Schlafen niederlegt, damit er die bessere Einsicht in sein verpfuschtes Leben gewinne.

Nach dem jähen Tod seiner Braut hat sich Herr Dappschädl nämlich in einen Kokon rhetorischer Verzweiflung eingesponnen, der ihn dazu verleitet, kleinen Küchenmamsellen und als Zauberinnen verkleideten Absolventinnen heimischer Musical-Schulen (Caroline Vasicek) im Wiener Josefstadt-Theater tief in den Ausschnitt zu schauen. Er tut dies mit dem honorigen Ernst eines Enzyklopädisten, der von der liebreizenden Anatomie des Busens den Lauf der kalten Gestirne unfehlbar abliest.

Im Übrigen spricht er Nestroys funkelnde Sätze mit der Nonchalance eines Wuppertaler SPD-Sprengelvorsitzenden, der seiner Bezirksorganisation mit einer zufällig nach Wien verrutschten Molière-Aufführung aufwartet.

Hinter der Zauberin Lunara (Vasicek) und dem leibhaftigen Teufel (Toni Slama), dessen Schlappohren die famosen Ausstatter (Christoph Speich, Esther Geremus und Toni Wiesinger) aus einem Matthew-Barney-Katalog heruntergepaust haben, geht ein gelber Mond als Buntpapier-Palatschinke auf. Die beiden wetten um nichts Geringeres als um das Heil von Dappschädls Seele. Die Seelen sind in der Josefstadt nur leider ganz betucht und halbseiden: verhängt und zugenäht.

Strumpftheater

Man trägt dazu dottergelbe Strümpfe und ausgebleichte Schottenkaros. Wo Nestroy in seinem mirakulösen Zauberspiel Der Tod am Hochzeitstage (1829) den Frieden einer untröstlichen und darüber zynisch gewordenen Seele aufs Spiel setzt, blättert Regisseur Hans Gratzer in der Vogue.

Er setzt nichts aufs Spiel; er setzt lieber auf: Zylinder, Kapotthüte - und Schweinsnasen. Die neue Josefstadt möchte jene Verhältnisse ganz unsäglich lieb gewinnen, gegen deren Unhaltbarkeit und Übermacht Nestroy die besten Möglichkeiten der Sprache mobilisierte: nichts als ein paar heiße Witze. Nestroy-Witze können nämlich Leben retten. Herr von Dappschädl wäre vielleicht ein leidlicher Tartuffe aus der Hinterbrühl: Sein eckiges Tänzchen mit dem Ölbild der Verblichenen führt hinein in den Abgrund improvisierter Liebesverhältnisse.

Die wahre, inständige Ehe führt dieser Tunichtgut mit seinem Kammerdiener Grund (Alexander Waechter), der als erstarrte Salzsäule dem liberalen Herrn seine ungerührte Schulter als Sorgenpolster bietet: Nestroys vertracktes Zauberpossenspiel handelt auch von vergifteten Loyalitäten - und zeigt das Missraten von Lebensentwürfen als Cartoon-Kino im verlotterten Schnarchkopf.

Schleyer gewinnt jedoch keine Statur: Die Sätze purzeln ihm wie Gummibonbons aus dem Mund. Formidable Volksschauspieler wie Siegfried Walther und die herrlich ungenierte Roswitha Soukup werden sogleich als Karikaturen festgelegt und sorglos an die Pappwände geklatscht.

Das neue Josefstadt-Theater verwahrt sich energisch gegen jede Art von Reflexion. Es tänzelt und scharwenzelt. Es markiert die Emsigkeit eines reizenden Puppensalons. Aber es rührt sich nicht vom Fleck. Der Applaus war freundlich und enden wollend.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2003)

Von Ronald Pohl
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    Toni Slama und Caroline Vasicek in Johann Nestroys "Mann, Frau, Kind oder Der Tod am Hochzeitstag"

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