Aristokratisches Kunstgartenpalais

1. Oktober 2003, 10:18
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Private Konkurrenz für öffentliche Museen: Das Palais Liechtenstein ist wieder öffentlich begehbar

Zu sehen gibt es in dem um 20 Millionen Euro renovierten Barockpalais u.a. Teile der Altmeister-Sammlung des Fürsten von und zu Liechtenstein.


Wien - "Reserviert für die junge Schönheit Maria de Tassis im Hofkleid" steht da in roten Lettern auf weißem Grund. Keine Reservierung für ein elegantes Diner ist hier gemeint, sondern ein Platz an der Wand für das gleichnamige Gemälde des Anthonis van Dyck, um 1630. Die Dame befindet sich in guter Gesellschaft: Gleich neben ihr hängt der "Unbekannte Mann" von Frans Hals, den Johann Kräftner, der Chefkurator und -einkäufer der Liechtensteinschen Sammlungen in New York 2002 ersteigert hat. Um 2,7 Millionen Euro bekam er das Bildnis, welches bis 1938 den Rothschilds gehört hatte. Es hing fortan im Kunsthistorischen Museum Wien. 1998 war es zusammen mit Tausenden anderen Preziosen restituiert worden - und kehrt nun nach Wien zurück.

Das Ensemble ist Teil einer Ausstellung - mit kostbarsten Gemälden bzw. deren Platzhaltern bestückt -, welche im Rahmen der "Langen Nacht der Museen" erstmals dem Publikum offen steht: "Meisterwerke aus den Fürstlichen Sammlungen in Vaduz".

Wir erinnern uns: Das von 1805 bis 1918 für das Publikum geöffnete Palais des Fürsten Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein ward lange Jahre genutzt als "Museum moderner Kunst". Ab Ende März 2004 wird das stattliche Haus, das ehemalige Gartenpalais, nach zwei Jahren intensiver Renovierungen endgültig seine Pforten öffnen, inklusive der stimmungsvollen klassizistischen Bibliothek.

Anlässlich des ersten öffentlichen Auftritts gab Kräftner auch die künftige Kooperation mit (ehemaligen) aristokratischen Sammlungen bekannt: mit der Harrachschen Familiensammlung, der Sammlung Schönborn Buchheim, der Esterházy-Privatstiftung sowie der Residenzgalerie Salzburg (Adelsbestände) und der Gemäldegalerie am Schillerplatz, deren Kern die Sammlung Lambert darstellt. Mit diesen Kollektionen werde, so Kräftner, "massiv, wenn nicht aggressiv" auf den Markt gegangen, mit gegenseitigem Leihverkehr und gemeinsamen Webauftritt.

1500 Bilder fasst die Liechtensteinsche Gemäldesammlung sowie 500 Skulpturen, wobei an Wechselausstellungen im Liechtenstein Museum in Wien und im Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz gedacht wird.

Fürst Hans-Adam II. erfüllt nach eigenen Angaben mit diesem Wiener Engagement den Wunsch seines Vaters Fürst Franz Josef, der nach 1938 Wien verlassen musste. Zudem wohnen zwei seiner vier Kinder in der Bundeshauptstadt.

1969 war die Sammlung von Fürst Franz Josef dem Land Liechtenstein versprochen worden. Bedingung: Das Land sollte ein adäquates Kunsthaus bauen. 1980 wurde das Vorhaben zwar sowohl auf Gemeinde- als auch auf Landesebene per Volksabstimmung gutgeheißen, doch redete man das Projekt in der Folge tot. Dies war sicher auch im Interesse des derzeitigen Fürsten Hans-Adam, der eine feste Stationierung der Sammlung wegen der damit verbundenen mangelnden Verfügbarkeit ablehnte.

Moderne oder zeitgenössische Kunst werde laut Hans-Adam nicht gekauft, da habe er "keinen Zugang dazu. Das 20. Jahrhundert war eine Zeit der Kriege und Massenmorde." Johann Kräftner begründet die Entscheidung damit, dass es etwa im Bereich Impressionismus und Expressionismus nur mehr die zweite Wahl zu kaufen gebe. Eine der jüngsten Erwerbungen steht in der "Langen Nacht" verpackt in einer Kiste. Erst bei der Eröffnung im März soll das Geheimnis gelüftet werden.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2003)

Von Doris Krumpl

Mitarbeit: Michael Heinzel

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liechtenstein
museum.at

  • Projektion (von Alfred Loch) außen, Bilder, Filme und Musik (u.a. Jordi Savall) drinnen: In der "Langen Nacht", ab 18 Uhr, (ba)rockt das neue "Liechtenstein Museum".
    foto: museum

    Projektion (von Alfred Loch) außen, Bilder, Filme und Musik (u.a. Jordi Savall) drinnen: In der "Langen Nacht", ab 18 Uhr, (ba)rockt das neue "Liechtenstein Museum".

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