Die Filmemacherin Ruth Beckermann kommentiert das Interview mit dem Viennale-Leiter Hans Hurch - Boykott und Gegenfestival geplant
Wien - Auf starke Resonanz in der heimischen Filmszene stieß am Freitag ein
STANDARD-Interview mit Viennale-Direktor Hans Hurch: Dieser hatte einen Boykott der neu strukturierten Austrofilmschau Diagonale und zugleich ein Gegen-Festival angeregt - ohne freilich zu wissen, dass diese beiden Maßnahmen auch andernorts bereits längst angedacht werden.
In einem "Kommentar der anderen" für den STANDARD (weiter unten zu lesen, Anm.) schreibt die Filmemacherin Ruth Beckermann: "Die Diagonale '04 wird weder personell noch konzeptuell von der Filmbranche anerkannt und daher boykottiert. Zahlreiche bekannte österreichische Filmschaffende sind nicht bereit, ihre Filme zu dieser Diagonale nach Graz zu schicken (eine Unterschriftenliste ist in Umlauf und wird Ende September veröffentlicht)." Ein Gegenfestival, das parallel zur Diagonale in Graz stattfinden solle, sei geplant.
Namen von an der Gegen-Diagonale beteiligten Kreativen wollte Beckermann noch nicht nennen. Dem Vernehmen nach sind aber etwa Michael Haneke und Ulrich Seidl bereits mit an Bord.
Auch weitere Säulen der zuletzt in Graz und Wien präsentierten Konzeption einer Diagonale unter Miroljub Vuckovic stürzen ein: Im Österreichischen Filmmuseum kann man sich, anders als von Vuckovic verkündet, keine Kooperation mit der Diagonale vorstellen - auch aus einer Wertschätzung für die Arbeit und Zielsetzungen der bisherigen Diagonale-Intendanten Constantin Wulff und Christine Dollhofer heraus. "Jetzt", so Filmmuseums-Leiter Alexander Horwath, "soll die Diagonale hingegen in eine Richtung gehen, die für uns nicht nachvollziehbar ist."
Auch Constantin Wullf kommentierte übrigens das STANDARD-Interview mit Hurch: "Es ist mir eine Ehre, von ihm neben Adorno und Brecht zitiert zu werden. Aber das mir Zugeschriebene habe ich nie gesagt, weder etwas wehleidig noch sonst wie. Wahr ist vielmehr, dass ich in einem Falter-Interview gesagt habe: Wenn es nicht gelingt, den Kunststaatssekretär zur Vernunft zu bringen und der Bund sich weiterhin jedem Gespräch verweigert, besteht die Gefahr, dass zwei Festivals parallel laufen. Es hat den Anschein, dass dies jetzt auch geschehen wird."
Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, einer Gegen-Diagonale als Organisator beizustehen, sagte Constantin Wulff: "Darüber habe ich noch nicht nachgedacht." Auch er wisse von diesem Projekt erst seit kurzem. (Claus Philipp)
Die neue Einigkeit
Einen Boykott der neuen Diagonale sowie ein Gegenfestival des Österreichischen Films regte Viennale-Direktor Hans Hurch im STANDARD an. Dazu folgende Replik von Ruth Beckermann:Einerseits ist es schade, dass Hans Hurch, einer der wenigen politisch denkenden Köpfe innerhalb der österreichischen Film-Community, lieber Lektionen erteilt, als politisch in die Szene hineinzuwirken. Andererseits freut es, wenn jemand, der bisher eher durch bissige Ablehnung des österreichischen Films als durch ernsthafte Diskussion desselben hervortrat, nun so großes Interesse am Weiterbestehen der Diagonale als Plattform des Österreichischen Kinos zeigt.
Diesmal decken sich Hurchs Aussagen mit den Ansichten der Filmschaffenden. Es lebe die neue Einigkeit. Welcome on board, Hans!
Inzwischen haben es nämlich die perfide Kulturpolitik des ressentimentgeladenen Franz Morak, die läppischen Aussagen der neuen Diagonale-Führung und die peinliche Präsentation von Konzeptlosigkeit am 15. und 16. 9. sowie die Nachhilfe einiger weniger politischer Filmköpfe geschafft: Die monatelang in Lähmung und Opportunismus versunkene Szene ist erwacht. Das Selbstbewusstsein einer Branche, die längst nicht mehr auf ein paar gnädig zur Verfügung gestellte Screenings angewiesen ist, und die Lust an zivilgesellschaftlichem Engagement sind weit größer als die Angst vor der Rache des Geldgebers.
Die von Dollhofer/Wulff hervorragend geleitete Diagonale war nämlich vor allem ein jährlicher Treffpunkt der Community, ein Ort des Austauschs zwischen etablierten und jungen Filmschaffenden (und das sind nicht allein die Regisseurinnen, sondern auch die Kamerapersonen, die Schnittmeisterinnen, die Verleiher etc.). Um Produzenten und Einkäufer zu treffen, fahren wir und unsere Filme rund um die Welt; dazu brauchen wir eigentlich keinen Filmmarkt in Graz.
Seit einigen Wochen wird nun an Strategien gearbeitet, wobei sich folgende Eckpunkte herauskristallisieren:
- Die Diagonale '04 wird weder personell noch konzeptuell von der Filmbranche anerkannt und daher boykottiert. Zahlreiche bekannte österreichische Filmschaffende sind nicht bereit, ihre Filme zu dieser Diagonale nach Graz zu schicken. (Eine Unterschriftenliste ist in Umlauf und wird Ende September veröffentlicht.)
- Wenn Herr Morak und die serbisch-slowakisch-österreichische Leitung auf Habsburg-Nostalgie machen wollen und in den Staaten der ehemaligen Monarchie eine eindeutig als "Festival des österreichischen Films" deklarierte Filmschau als "Südosteuropa"-Festival anpreisen, so haben sie die Aufmerksamkeit unserer Kollegen in den neuen Beitrittsländern sowie des westlichen Europa unterschätzt. Diese können über diesen österreichischen Etikettenschwindel nur lachen.
- Unter solchen Bedingungen wird dieses Festival sowohl österreichweit als auch international eine Blamage darstellen. Dafür sind 1,5 Millionen Euro eindeutig zu viel.
- Falls die Diagonale nicht den österreichischen Filmschaffenden zurückgegeben wird und die jetzige Leitung im März ein zusammengeflicktes Programm abspult, plant die österreichische Film-Community ein Film-happening abzuhalten - auch wenn dies im Vergleich zu D04 eine Arte-Povera-Veranstaltung sein wird, bei welcher sich jeder sein (Bock-)Bier zahlt, statt Steuer-Sekt zu schlürfen. Demjenigen österreichischen Produzenten, der doch zur Diagonale kriecht, um sich den Köder-Preis abzuholen, kann man zu seinem unerwarteten Erfolg bereits jetzt herzhaft gratulieren.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2003)