Die Buben und der Eros

25. September 2003, 15:07
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Das erste Quartal hat nicht nur die Schwächen Mattersburgs offen gelegt, sondern auch das Potenzial des Aufsteigers

Mattersburg - Wer glaubt, Werner Gregoritsch sei ein Fußballtrainer, der irrt einigermaßen. Werner Gregoritsch ist, sagt er von sich, ein Fußballlehrer. Der Unterschied zwischen beiden ist leicht erklärt: Jener stelle sich hin und erwarte, es mit kompletten Fußballern zu tun zu haben, dieser habe, was man den pädagogischen Eros nennt, der in diesem Zusammenhang auch umschrieben werden kann als die tief sitzende Gamsigkeit, aus ballesternden Buben Fußballer und aus diesen eine Mannschaft zu formen. Beim SV Mattersburg hat Werner Gregoritsch reichlich Gelegenheit, dieser Leidenschaft zu frönen, denn: "Unser Kader setzt sich nur zur Hälfte aus Profis zusammen. Die andere Hälfte sind Neuprofis." Mit allen Schwächen, wie die vergangenen Wochen deutlich bis überdeutlich gezeigt haben.

Unterste Grenze des Plansolls

In den nächsten Wochen wird der pädagogische Eros des Mattersburg-Trainers einer noch härteren Realitätsprüfung unterzogen. Das erste Meisterschaftsquartal ist vorbei, der Aufsteiger liegt an der untersten Grenze des Plansolls. Mindestens vierzig Punkte hat Gregoritsch gefordert, zehn sind es bislang, "jetzt entscheidet sich, wohin wir uns zu orientieren haben". Am Samstag kommt Pasching, deren 0:4 gegen die Admira dem Lehrer nicht ganz behagt, "gedemütigte Mannschaften agieren dann umso konzentrierter".

Das freilich ist nur ein Aspekt der Pädagogik. ("Fürchtet euch ruhig ein bisserl, dann seid auch ihr konzentriert.") Denn andererseits habe das erste Quartal der "spannensten Meisterschaft seit Jahren" durchaus die burgenländischen Qualitäten gezeigt, "ein Kollege hat mir sogar zum spielerischen, kreativen Auftritt des SVM gratuliert". Das heißt nichts anderes, als dass in dieser Mannschaft noch Reserven stecken, "ein Michael Mörz, ein Thomas Wagner und andere sind noch nicht dort, wo sie hingehören".

Ein weites Feld für den pädagogischen Eros, der tatkräftig von Männern wie Dietmar "Die anderen kochen auch nur mit Wasser" Kühbauer - von dem man in manchen Momenten den Eindruck gewinnen kann, er habe selber so einen - unterstützt wird. Ein pädagogischer Erfolg darf schon ins Klassenbuch notiert werden: Die Stümperhaftigkeit bei Standardsituationen scheint spätestens seit dem 1:1 beim GAK im Griff, "jetzt arbeiten wir an den Außenbahnen, der Chancenauswertung und der zuweilen übertriebenen Kombinationslust". Die stand zwar am Lehrplan, aber nicht als ballesterische Ausrede, keine Strafraum- und Torszenen-Verantwortung übernehmen zu wollen.


Die zweite Welt

Angesichts des Potenzials wird Werner Gregoritsch - anders als den erotikfreien ÖIAG-Managern - nicht bang vor den nächsten drei Quartalen. Die Meisterschaft habe sich in zwei Welten gespalten. In der einen lebt, neben Rapid und der Austria, immer noch der GAK. In der anderen leben die anderen, so auch der SVM. Jedes Match gegen jeden dieser Zweitweltbewohner sei daher eine Herausforderung.

Und weil das so ist, ist auch der zwölfte Mann (inklusive Frau und Kind) gefordert. "Zu Mattersburg", sagt der Trainer, der in Wahrheit ein Lehrer ist, "gehört unabdingbar das Publikum." Nein: das einzigartige Publikum. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21. 09.2003)

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    Fußballlehrer Gregoritsch

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