Koedukation in der Sackgasse

10. Jänner 2000, 19:27

Geschlechterkampf im Klassenzimmer: Kleiner Mann, was nun?

In der westlichen Welt hat in den vergangenen drei Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel im Verhältnis der Geschlechter zueinander stattgefunden, der sich unter anderem dadurch manifestiert, dass er heftige Gegenbewegungen ausgelöst hat - siehe die aktuellen Bemühungen, Frauen in geringfügige Beschäftigungen ab- bzw. an den häuslichen Herd zurückzudrängen.

Dass trotz dieser Abwehrstrategien nichts mehr so ist, wie es früher war, lässt sich nicht zuletzt am umfänglichen Angebot so genannter Männerliteratur und an der medialen Debatte ablesen, die seit etwa einem Jahrzehnt dazu geführt wird. Jüngstes Beispiel: die STANDARD-Serie zum Thema. "Der Feminismus hat die Männerwelt . . . in die Identitätskrise gestürzt", hieß es da programmatisch im Eröffnungstext. Völlig zu Recht - wir werden auf allen gesellschaftlichen Ebenen tagtäglich damit konfrontiert. Auch in der Schule: Die mit dem seltsamen Ausdruck "Bubenarbeit" versehenen Bemühungen, sich der männlichen Sozialisation in diesem Bereich anzunehmen, weil diese zunehmend außer Kontrolle zu geraten droht, belegen dies hinlänglich.

Schon in den 80er-Jahren hatten feministische Erziehungswissenschaftlerinnen und Soziologinnen begonnen, sich kritisch mit der Koedukation, jener viel gepriesenen Errungenschaft fortschrittlicher Pädagogik im 20. Jahrhundert, auseinander zu setzen.

Als sich im Zuge dieser Forschungen herausstellte, dass die Koedukation für die Mädchen mehr Nachteile als Vorteile mit sich gebracht hat, ja dass seriöser Weise nur von einer Koinstruktion gesprochen werden dürfe, war der Aufschrei groß, und die Frauen, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigten, wurden sehr schnell mit dem Etikett "reaktionär" bedacht.

Jedenfalls wurde - wissenschaftlich gut fundiert - festgestellt, dass Mädchen im koedukativen Alltag nur einen Bruchteil der Lehrer/innenzuwendung bekommen, den ihre männlichen Mitschüler erhalten, dass die Interaktion im schulischen Alltag geprägt ist von Diskriminierungen und Gewalt (körperlich und/ oder verbal) und dass weibliche Welten weder in den Lehrplänen noch in den Schulbüchern berücksichtigt werden.

Kurz: Die Schule ist nach wie vor auf die männlichen Jugendlichen hin orientiert. Und sie fordern diese Aufmerksamkeit auch mit Nachdruck ein. Gerade in der Altersgruppe der etwa Neun- bis Vierzehnjährigen ist folgendes Verhalten gang und gäbe: sexuelle und quasi- sexuelle Übergriffe auf Mädchen (verbale Belästigungen, Ausgreifen, ins Klo verfolgen und auf den Busen greifen), Verspotten von Mitschülerinnen und Mitschülern, Beschmieren von Heften von Mitschülerinnen, unter anderem auch mit ordinären Sprüchen, Stoßen, Schlagen, Bespucken, Unterrichtsstörungen, Verletzungen durch Raufen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Enormer Leidensdruck

Interessant dabei ist, dass es sich jeweils nur um eine kleine Gruppe von Rädelsführern handelt, dass die Mehrheit der Buben diese Verhaltensweisen sogar ablehnt, aber aus Gruppenzwang mitmacht.

Interessant ist auch, dass die Mädchen trotz dieser widrigen Umstände die weitaus besseren schulischen Leistungen erbringen, weniger oft durchfallen. Allerdings um den Preis des "Verstummens" mit Beginn der Pubertät, ein Phänomen, das in der einschlägigen Literatur immer wieder konstatiert wird.

All dies hat zur Folge, dass der Fokus der pädagogischen Forschung längst nicht mehr allein auf die Mädchen gerichtet ist, sondern in immer stärkerem Ausmaß auf die Buben, weil sich erwiesen hat, dass sie die noch viel größeren Verlierer in der Koedukation sind. Der Leidensdruck, dem viele jahrelang im schulischen Alltag ausgesetzt sind, sei es als Täter oder als Opfer, ist enorm.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Vor allem aber ist eines nicht mehr zu übersehen - und hier schließt sich der Bogen zur STANDARD-Serie: Den männlichen Jugendlichen sind die Rollenvorbilder abhanden gekommen. Auch wenn die gesellschaftliche Realität noch in vieler Hinsicht den Erwartungen hinterherhinkt, kann nicht geleugnet werden, dass Mädchen - mittlerweile - eine Fülle von positiven Rollenvorbildern zur Verfügung steht.

Vaterlose Gesellschaft

Wie sieht es aber für die heranwachsenden Männer aus? Seit geraumer Zeit müssen sie den Medien entnehmen, dass Männer Versager, Machos out, Softies aber auch nicht gefragt sind.

Sie erleben täglich das Vordringen von Frauen in traditionell männliche Domänen, sogar Polizei und Bundesheer sind keine Ausnahmen mehr. Und sie sind zunehmend völliger Orientierungslosigkeit ausgesetzt. Dazu kommt die Absenz der Väter, wörtlich und symbolisch gesprochen, die ebenfalls dazu beiträgt, dass - mangels positiver Alternativen - traditionell männliches Verhalten im Prozess des Heranwachsens verstärkt ausgelebt wird, mit allen damit inzwischen verbundenen Brüchen.

Was tun? In den Schulen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, wird inzwischen von "geschlechtergerechter" oder "geschlechtssensibler" Koedukation als Zielvorstellung gesprochen, also von der Vision einer Schule, die beiden Geschlechtern gerecht wird.

Nur die Rahmenbedingungen zu ändern wird dabei allerdings gar nichts ändern - die Männer müssen sich ändern. Im Übrigen sind es wieder einmal überwiegend Frauen, die sich der so genannten Bubenarbeit und der neuen Koedukation annehmen.

So lange aber von der Gesellschaft keine Signale kommen, dass Veränderungen wirklich gewünscht sind, werden die Buben in der Schule weiterleiden müssen und den Mädchen immer mehr hinterherhinken.

Mag. Heidi Schrodt, Direktorin des Gymnasiums Rahlgasse in Wien, beschäftigt sich schwerpunktmäßig schon seit zwei Jahrzehnten mit feministischer Pädagogik und den Auswirkungen veränderter Sozialisationsbedingungen auf die Schule.

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