Alles klar - wie reines Quellwasser

29. September 2003, 16:48
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Der Allvater der niederösterreichischen Großfamilie bleibt in Niederösterreich - eine Kolumne von Günter Traxler

Es gilt, eine traurige Nachricht zu überbringen. Seit Mittwoch hat sich ein Häufchen wackerer Niederösterreicher in Luft aufgelöst. Bescheiden wie diese Menschen waren, sind sie aus ihrer Anonymität nie hervorgetreten, was aber für die heimatliche Scholle noch lange hätte kein Grund sein müssen, sie einfach zu verschlingen. Die Rede ist von jenen, die an den Allvater der niederösterreichischen Großfamilie vor noch gar nicht so langer Zeit mit einem Anspruch, den man nicht einfach wegschieben kann, herangetreten sind, und denselben, fast schon ein wenig frech, auch noch um Appelle, die nicht spurlos an einem vorübergehen, ergänzten, nämlich um die Bitte, sich als Bundespräsident zur Verfügung zu stellen.

Nun sind sie spurlos untergegangen - seit Mittwoch mischte sich keine störende Stimme in den Jubelchor derer, denen Erwin Pröll aus dem Ehrengrab Hofburg noch vor einer eventuellen Grablegung auferstanden und als Landeshauptmann wiedererschienen ist. Ein vielstimmiges Halleluja braust durch die Vierteln ober und unter dem Manhartsberg beziehungsweise dem Wienerwald, und kein Ton der Kritik am weggeschobenen Anspruch, keine erboste Reaktion wegen des letztlich spurlos vorübergegangenen Appells sorgt für einen Dissonanz.

Eine Flut an Anrufen, Mails und Faxen legte die Systeme lahm, ächzte eine total überraschte ÖVP Niederösterreich in einer Aussendung. Eine solche Menge an spontanen Reaktionen haben wir noch nie erlebt. Eine Frau schrieb, für sie sei das ein größerer Tag als jener des Landtagswahlsieges.

Auch das Jubelorgan des Radlbrunner Skins war auf dem Posten, hat es doch in seinen Leserbriefschreibern die fixesten Nachbeter der redaktionellen Vorgaben. Schon gestern trat die nö. Karl-May-Gemeinde auf der Deponie des freien Wortes in der "Kronen Zeitung" zum Appell an. Gott sei Dank! bemühte eine Dame himmlische Mächte, um sich zu überschlagen: Hut ab, Herr Landeshauptmann! Ich bin stolz, eine Niederösterreicherin zu sein! Danke, dass Sie uns die Treue halten. Wir brauchen Sie!

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass das auch umgekehrt gilt. Warum sollte nicht auch Erwin Pröll stolz auf den lokalpatriotischen Stolz sein, den er mit ein paar simplen Winkelzügen in seinen Untertanen entfacht. Herr Dr. Pröll hat einmal mehr seine Position als Muster-Politiker unter Beweis gestellt. Es zeugt schon wirklich von Charakterstärke und Integrität, das Wohl des Landes über die eigenen Karriereperspektiven zu stellen. Tatsächlich wäre ja der Untergang Niederösterreichs bei einer Übersiedlung Prölls in die Hofburg nicht mehr ab- zuwenden gewesen. Da darf man seiner Erleichterung schon Ausdruck verleihen. Ich sage nur: bravo, Erwin Pröll, und gratuliere Niederösterreich zu diesem Landeshauptmann!

Auch der Leser aus Wien, der trotz meiner eigentlich sozialdemokratischen Orientierung den Niederösterreichern zu ihrem Hauptmann gratuliert, darf nicht fehlen. In seine Gratulation mischt sich aber doch leises Bedauern, denn ich hätte Herrn Pröll auf jeden Fall meine Stimme bei der Bundespräsidentenwahl gegeben. Nur einer wagte ein Wort der Kritik, wenn schon nicht an Prölls heimattreuer Entscheidung, so doch am Stil, in dem sie zelebriert wurde. Es ist wohl Selbstverherrlichung, wenn uns LH- Pröll von einem historischen Tag spricht, nur weil er nicht für die Wahl zum Bundespräsidenten kandidiert. Das "klare Nein" in der präsidentenwürdigen Pressekonferenz unseres "I. Dieners des Landes" hätte durchaus kürzer ausfallen können.

Das schrammt an einer Gotteslästerung nur knapp vorbei. Fehlt gerade noch, dass einer meint, Pröll hätte den Gedanken einer Kandidatur erst gar nicht unter das Volk streuen müssen, wo er doch - in seinem Inneren klar wie reines Quellwasser - nie die Absicht hatte, ein Volk ins Elend zu stürzen, das Wachs in seinen Händen ist.

Weniger Erleichterung, aber beträchtlich mehr Erheiterung hat der Beschluss Wolfgang Schüssels ausgelöst, den Ombudsman der "Kronen Zeitung" zum Chef der Bundesheer-Reformkommission zu befördern. Eine Welle personalpolitischer Kreativität überschwemmte daraufhin Journalisten und Politiker. Als Erster reagierte der SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal. Er forderte in der Erkenntnis, dass die Lage der Forschung unter der schwarz-blauen Regierung, hoffnungslos, aber nicht mehr ernst ist, einen Zilk für die Forschung.

Von da an gab es kein Halten mehr. Der ÖVP-Abgeordnete Ferdinand Maier schlug laut "Kurier" vor, Kräuterpfarrer Weidinger mit der Gesundheitsreform und Pater August Paterno mit einer Wertekommission zu betrauen, zwei Ideen, mit denen er den gedanklichen Windungen des Bundeskanzlers näher liegen könnte, als er glaubt.

Und "Die Presse" verfiel in ironische Zuckungen, ein Leiden, von dem sie gewöhnlich frei ist: Wir rufen Richtung Ballhausplatz: Nur weiter so! In Ehren emeritierte aus Funk und Fernsehen Bekannte gibt es genug. Setzt Peter Alexander zum Chef der Pensionsharmonisierungskommission ein. Überredet Karl Schranz, die Runde zum neuen ÖBB-Dienstrecht zu präsidieren.

Als könnte Helmut Zilk das nicht alles allein erledigen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2003)

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