Einer gegen alle, alle gegen einen

28. September 2003, 17:07
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Der VP-Landeschef Van Staa ist omnipräsent - Die restlichen Parteien kämpfen gegen eine schwarze Absolute und ihre Farblosigkeit

Innsbruck - "Sie wissen ja, wer ich bin . . ." Nicht alle, denen Hannes Gschwentner an diesem Nachmittag im City Center Wörgl einen Kugelschreiber, ein Feuerzeug oder eine Landkarte mit Tirols Schutzgebieten überreicht, wissen auf Anhieb, dass er der Spitzenkandidat der Tiroler SPÖ für die Landtagswahl am 28. September ist.

Dafür, dass der Bürgermeister von Kundl den SP-Vorsitz und das Umweltressort in der Landesregierung erst vor einem Jahr von seinem Vorgänger übernommen hat, ist die Trefferquote aber recht gut.

Keinen Aufholbedarf hat da hingegen VP-Landeschef Herwig van Staa. 95 Prozent der Tiroler kennen ihren Landeshauptmann. Sicherheitshalber stellt er sich im Altersheim einer Frau vor: "I bin's, da Landeshauptmann."

Ihm geben Meinungsumfragen gute Chancen auf die absolute Mehrheit. Darum muss er im Wahlkampf auch als Reibebaum für alle anderen Parteien herhalten, die sich die Verhinderung der "absoluten Macht" für die Schwarzen zum Ziel gesetzt haben.

"Streitet's noch?"

Neben dem weißen Schirm der FPÖ vor einem Supermarkt in Axams, bleibt es recht ruhig. "Die Leute wollen von uns nur wissen: Habt's jetzt aufg'hört zum Streiten?", sagt ein FP-Gemeinderat. Obmann Willi Tilg, der auch im Wahlkampf vor internen Querschüssen nicht gefeit ist, lacht vorerst nur vom Großplakat. Die sechs Funktionäre diskutieren mehr untereinander als mit den Kunden. Tilg kommt, aber das Szenario ändert sich kaum. "Darf ich Ihnen etwas mitgeben?" Nur sporadisch kommt er zu kurzen Gesprächen. Das Wahlziel ist bescheiden geworden - "Zweistelligkeit erreichen". 1999 sind es noch 19 Prozent gewesen. Tilg freut ein "überraschend gutes Stimmungsbild" und "hundertprozentige Geschlossenheit" der Partei.

Für den 25-jährigen Arbeiter, der zur selben Zeit unterm SP-Schirm in Wörgl debattiert, ist Blau diesmal keine Option. Aber Gschwentner muss viel Geschick aufwenden, um ihm eine zögerliche Zustimmung - "meine Tendenz geht eh zur SPÖ" - abzuringen. "Aus Tradition" Rot wählen will ein Student: Der Großvater war am Bau, der Vater ist bei der Bahn. Aber mehr als zwei Prozent Plus traut er der SP nicht zu, "sie werden von den Blauen einiges holen, aber an die Grünen verlieren".

Diese hatten Wörgl vier Stunden vorher mit dem Sonderzug aus k.u.k. Wagons mit grünen Luftballons passiert und die Durchquerung Tirols eben in Landeck beendet. Leichten Livejazz, Kaffee und Kuchen gab's unterwegs - "Wahlkampfparty", als wäre die Wahl schon erfolgreich geschlagen. Nach dem Mandatsverlust 1999 ist die Crew um Klubchef Georg Willi überzeugt, die FP am dritten Stockerlplatz ablösen zu können. Für Willi - "den Georg will i" heißt's auf seinen Plakaten - wären "zwölf Prozent super", statt der derzeit acht.

Bei einem Zugstopp in Schwaz, der vor allem für Lokalmedien inszeniert ist, äußert sich eine unentschlossene Wählerin: "Ich hab' bisher ÖVP gewählt, aber die Ab- solute in der Hand von van Staa. . ." Ganz traut sie den Grünen aber auch nicht: "Wir brauchen den Tunnel, sonst wird's nicht gehen."

Den Megatunnel unter dem Brenner bringt Herwig van Staa selbst in Pfaffenhofen als sein wichtigstes Wahlversprechen vor, obwohl die Gemeinde im Oberinntal abseits der Transitroute liegt. Im Turnsaal ein Rednerpult vor einer Kollektion VP-Plakaten und knapp hundert Interessierte. Auf dem Weg in den Saal spricht ihn eine Frau auf die Probleme der Gasthäuser an. "Für die Wirtshauskultur gibt es eh ein Sonderprogramm", lautet die Antwort. Die Musikkapelle spielt auf und verlässt dann den Saal. Van Staas Zuruf, die Musiker mögen bleiben, verhallt weit gehend ungehört. Es zieht sie mehr zu Freibier und Weißwurst in den Vorraum.

In seiner Rede reibt sich Van Staa fast nur an den Grünen. Koalitionspartner SPÖ wird nur ein wenig wegen der Veröffentlichung einer Armutsstudie gerügt: "Es macht mich zornig, wenn jemand das Land schlecht macht", poltert der VP-Chef. Das Plakatmotiv, die vierköpfige Familie im Grünen, erläutert er so: "Uns geht es um intakte Familien und intakte Natur." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.9.2003)

Der amtierende Landeshauptmann und VP-Chef Herwig van Staa ist im Tiroler Landtagswahlkampf omnipräsent. SPÖ, FPÖ und Grüne kämpfen gegen eine mögliche Absolute der Volks- partei - und die Spitzenkandidaten gegen ihr Image als farblose Kontrahenten.

Von Benedikt Sauer Hannes Schlosser
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    Herwig Van Staa, omnipräsent.

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