"Es gibt keinen gemeinsamen Tisch!"

Redaktion, 21. November 2003, 19:16
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    foto: viennale

    Hans Hurch, 1952 in Schärding geboren, ist seit seinen frühen Tagen als Filmkritiker der Wiener Stadtzeitung Falter einer der profiliertesten Kritiker auch des heimischen Film- und TV-Schaffens.

    Mit Einwänden gegen Klischees und Manierismen österreichischer Laufbilder hat Hurch oft Kontroversen ausgelöst, auch in seiner gegenwärtigen Funktion:

    Seit 1997 leitet er die Wiener Filmfestwochen Viennale, die heuer vom 17. bis zum 29. Oktober auch eine erweiterte Österreich-Schiene anbieten werden.

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    viennale.at

Viennale-Direktor Hans Hurch ruft zu einem Boykott der neuen Diagonale auf - und zu einem parallelen Gegenfestival

Viennale-Direktor Hans Hurch ist gegen die neue, von Franz Morak verordnete Diagonale. Im Gespräch mit Claus Philipp regt er einen Boykott der offiziellen Austrofilmschau in Graz an - und ein Gegenfestival.


STANDARD: Es sorgt für einiges Aufsehen, dass ausgerechnet der Direktor der Wiener Filmfestwochen nun zum Boykott der neuen Diagonale unter Miroljub Vuckovic und Tillmann Fuchs aufgerufen hat ...

Hans Hurch: Das war nur eine erste Reaktion. Jetzt würde ich weiter gehen und sagen: Weite Teile der Filmszene sollten beschließen, dass sie mit dieser Diagonale bzw. der Politik, die mit ihr zusammenhängt, keine gemeinsame Sache machen und stattdessen ein eigenes Festival initiieren.

STANDARD: Besteht nicht die Gefahr, dass die Politik dann sagt, "Super, es geht auch so. Wir stoppen die Subventionen."?

Hurch: Das würde sie sicher nicht sagen, weil diese Politiker kein Interesse daran haben, dass die Leute ihre eigenen Bedürfnisse artikulieren. So ein Festival würde eine Form von Öffentlichkeit schaffen, die Franz Morak garantiert nicht begrüßen würde. Er betreibt das ja schon die ganze Zeit, wenn er sagt, in Hinkunft solle stärker projektbezogen, weniger strukturell gefördert werden.

Man sollte hingegen einmal die Strukturen im Staatssekretariat infrage stellen - ganz direkt. Was leisten die, projektbezogen? Doch vor allem verordnete lächerliche Projekte wie "Kunst gegen Gewalt" - die in Versammlungen sämtlicher Opportunisten des Landes gipfeln. Das strebt man auch bei der Diagonale an. Dem sollte die Filmszene aus eigener Kraft entgegenwirken.

STANDARD: Was wäre dazu notwendig? Noch halten sich ja viele Protagonisten der Branche merkwürdig bedeckt.

Hurch: Nicht nur die großen symbolischen Namen - wie Michael Haneke, Ulrich Seidl, Barbara Albert oder Peter Tscherkassky - müssten sich bei so einer Initiative klar deklarieren: Wer will was? Wo liegen die Interessen? Das hat nichts mit Schulterschluss zu tun, sondern mehr mit einer produktiven Unterscheidung.

Wie heißt es bei Brecht in der Antigone: "Ihr haltet das Maul ihm, und das verwickelt euch." Es reicht aus, nichts zu sagen, um involviert zu sein. Ich war schon erstaunt, dass einige Leute, die bei der alten Diagonale ziemlich laut und sehr leichtfertig das Wort "Widerstand!" geführt haben, jetzt nicht mehr zu hören waren.

Gehen wir einen Schritt zurück. Ich denke, es wäre notwendig, dass jetzt auch die alte Diagonale einmal Selbstkritik übt. Wie war es möglich, dass ein Festival, das angeblich derart breit von der Szene getragen wurde, so leicht auszuhebeln war?

Ich denke, die ganze Mischung aus "Widerstand" und Schulterschluss hatte einen etwas hohlen rituellen Charakter. Hingegen: Welche Bilder produziert der heimische Film von der österreichischen Realität? Das ist eine sehr politische Frage. Und diese ästhetisch-politische Diskussion hat man eigentlich versäumt.

STANDARD: Sie wäre aber auch unter Vuckovic und Fuchs kaum zu erwarten.

Hurch: Genau. Aber vielleicht wäre es ironischerweise gerade jetzt möglich, dass sich Leute, denen diese Frage dennoch wichtig ist, die ihr Tun politisch hinterfragen und denen es nicht nur um Geld und ums Image geht, selbstbestimmter organisieren. Zum Beispiel in einer Gegenveranstaltung in Graz parallel zur Diagonale. Wenn man sich jetzt zur Wehr setzt, dann hat das auch Vorbildwirkung für andere kulturelle Bereiche. Es wäre ein Ausgangspunkt für einen kleinen Kulturkampf.

Wie formulierte es Adorno: "sich weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen". Insofern finde ich es erfreulich und ermutigend, dass jetzt tatsächlich bereits junge Produzenten Unmut äußern. Dass sie an die Öffentlichkeit treten, obwohl ihnen das mittelfristig sicher keinen Vorteil bringt.

STANDARD: Wie beschreibt man dagegen die Politik eines Franz Morak, der ÖVP?

Hurch: Man darf nicht vergessen: Leute wie Morak mussten viele, viele Jahre warten, bis sie in die Positionen gekommen sind, in denen sie jetzt gestalten können. In denen hat sich unglaublich viel aufgestaut. Wenn man zum Beispiel diesen Kampf des Bundes gegen die Stadt Wien beobachtet und dieses Propagieren der "Provinz", dann ist das letztlich nichts anderes als die praktizierte Hilflosigkeit des Ressentiments: sich mit etwas nicht auseinander setzen zu können und stattdessen ein diffuses antimodernistisches Bild entgegenzuhalten.

Das sind aber nur Ausweichmanöver, weil Morak vermutlich doch die Ahnung quält, dass alle Macht und alle Möglichkeit der Mittelverteilung schlussendlich nichts helfen werden, wenn die von ihm Abhängigen diese Abhängigkeit nicht zulassen.

STANDARD: Wenn man nun die Produktion und Ästhetik von Film - und der Kritik daran - erneut thematisiert, wo könnte da ein produktiver Ansatzpunkt gefunden werden?

Hurch: Man müsste endlich fragen, ob nicht "der österreichische Film" selbst in gewisser Weise zu einem Klischee verkommen ist. Es hat sehr viele Filme gegeben, die eine Art ästhetischer Verelendungspolitik betrieben haben - ich habe das ja auch in einer Debatte mit und rund um Michael Haneke schon gesagt. Das wurde zu einem nationalen Markenzeichen genauso wie andererseits die so genannten Kabarettfilme, ein Geblödel, das auf dem kürzesten Weg das Einverständnis mit den Vorurteilen des Publikums sucht - einer Aggression und nicht gelebtem Leben.

Ich erinnere mich noch, wie Josef Hader bei der ersten Salzburger Diagonale im Kleinen Festspielhaus auftrat und in etwa sagte: "So, und jetzt reißen wir Kabarettisten uns auch noch das Filmbudget unter den Nagel." Das war prophetisch. Sie haben sich zwar nur die Hälfte geholt. Aber die andere Hälfte haben sich die Verelendungsspezialisten geholt. Interessant ist, dass etwas dazwischen, ein realistisches Kino, das konkrete soziale Verhältnisse abbildet, eigentlich nicht existiert. Das muss historische Ursachen haben. Und man kann das sicher nicht von heute auf morgen ändern. Was man aber ändern kann: Die Form der Auseinandersetzung mit diesen Ursachen. Und da sind wir wieder bei der Diagonale.

STANDARD: Hier könnte eine Gegen-Diagonale Impulse setzen?

Hurch: Ja. Jetzt besteht tatsächlich die Möglichkeit zu einem Lehrstück in republikanischer Selbstbestimmung - gegen die von oben verordnete Politik. Kurzfristig muss man dafür sicher Nachteile in Kauf nehmen. Langfristig gibt es dazu keine Alternative.

Uns fehlen in Österreich weit gehend die republikanischen Erfolgserlebnisse. So ein Erfolgserlebnis wäre jetzt möglich. Ganz konkret: ein dreitägiges Festival parallel zur Diagonale, eine kompakte kleine Schau ...

STANDARD: ... in einer Form, die sich aus der Notwendigkeit ergeben würde.

Hurch: Klar, die meisten interessanten Initiativen haben sich so und nicht auf Anordnung entwickelt.

STANDARD: Wir kurieren uns selbst, damit wir gegen die kranken Ideen aus dem BKA nicht mehr so anfechtbar sind?

Hurch: Es geht jetzt nicht mehr darum, wie der ehemalige Diagonale-Intendant Constantin Wulff etwas wehleidig meint, "dass die da oben sich endlich mit uns an einen gemeinsamen Tisch setzen". Es gibt keinen gemeinsamen Tisch! Wir finden unsere eigenen Formen und artikulieren unsere Bedürfnisse. Das fände ich spannend. Und daran würde ich, wie wohl andere auch, unentgeltlich mitarbeiten.

STANDARD: Die Viennale eröffnet nun eine verstärkte Schiene für den österreichischen Film: "News from home". Was wird da geschehen?

Hurch: Wieder wird es möglich sein müssen, dass man Sachen zeigt und produktiv diskutiert, ohne dass dies in ein "pro und kontra österreichischen Film" oder eine Schulterschluss-Diskussion ausartet. Es geht nicht darum: Hurch hat was gegen den, und der hat was gegen Hurch. Vielleicht gelingt das - selbstkritisch gesagt - heuer besser. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2003)

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