Diabetes: Umkehrung der Therapie

22. September 2003, 13:47
3 Postings

Wissenschafter entwickeln revolutionäres Behandlungsprinzip - es gilt, Insulin-Gegenspieler auszuschalten

Wien - Die derzeit beste Therapie für Zuckerkranke ist der Ersatz des fehlenden Insulins. Das Stoffwechselhormon bringt den Zucker aus dem Blut in die Muskeln hinein und senkt damit den Blutzuckerspiegel. Doch eine potenziell revolutionäre Therapie wird jetzt vom dänischen Pharmakonzern Novo Nordisk entwickelt. Substanzen, welche die Glukagon-Rezeptoren hemmen und somit den "Gegenspieler" von Insulin ausschalten. Dies erklärte Mittwoch Abend der stellvertretende Geschäftsführer des dänischen Pharma-Konzerns Novo Nordisk, Markus Leyck Dieken, bei einem Hintergrundgespräch in Wien.

Unternehmen gehört zu den wichtigesten Insulin-Produzenten

Novo Nordisk ist ein Pharmakonzern, der sich vor allem auf die "Nische" von Hormonen und Blutgerinnungsfaktoren konzentriert hat. Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehört das Unternehmen zu den wichtigsten Produzenten von Insulin, es stellt derzeit die weltweit größte Menge an dem Medikament her.

"Die Frau des dänischen Nobelpreisträgers August Krogh (1874 bis 1949, Preis: 1920) wurde 1921 zur Typ 2 Diabetikerin. Die Frau überredete ihren Mann, bei einer USA-Reise auch nach Toronto zu fahren", erläutert Leyck Dieken. Dort war am 11. Februar 1922 einem jungen Patienten erstmals Insulin injiziert worden.

Krogh entwickelte Zimmerfahrrad

Das Ergebnis war schließlich die Aufnahme der Insulinproduktion in Dänemark durch Krogh und den Arzt Christian Hagedorn. Schon 1923 erhielten die Insulin-Therapie-Erfinder auf Kroghs Intervention den Nobelpreis. 1926 begannen die dänischen Wissenschafter mit ihrer Firma den Export des für Zuckerkranke lebenswichtigen Hormonersatzes. Das "Neutral Protamin Hagedorn-Insulin-NPH" wurde ebenfalls von dem Unternehmen entwickelt und ist seit Jahrzehnten das lang wirksame Insulin. Krogh hatte übrigens zur Messung des menschlichen Stoffwechsels auch das Zimmerfahrrad (Ergometer) entwickelt.

Die Geschichte geht weiter

Kommendes Jahr - so Leyck Dieken - wird wahrscheinlich das neue Langzeit-Insulin Detemir zugelassen werden. Es handelt sich dabei um ein Insulin-Analogon, das nur ein mal pro Tag injiziert werden muss und speziell für Typ 2 Diabetiker wichtig werden könnte: Die Wirkung ist extrem gleichmäßig. Die Gefahr einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) ist wesentlich reduziert. Das Präparat eignet sich als Basis-Insulin, das den Blutzucker im Nüchternzustand unter Kontrolle hält. Die extrem lange Wirkung beruht neben dem Ersatz eines Aminosäure-Bestandteils des Proteins auch auf dem Anhängen einer 14-c-Fettsäure an dieses Eiweiß. Das führt zu einer genau berechenbaren Wirkung.

Insulin-Analogon

Zu den Mahlzeiten kann dann (Typ 1 Diabetes) ein kürzest wirksames Insulin-Analogon benutzt werden. Bei Typ 2 Diabetikern können hier auch orale Antidiabetika eingesetzt werden.

Doch ausgesprochen revolutionär ist eine andere Strategie, welche das Unternehmen in ersten klinischen Studien an Patienten verfolgt. Die Entwicklung von Substanzen, welche in Tablettenform eingenommen werden können, kein Insulin sind und trotzdem einen ähnlichen Wirkungsmechanismus besitzen.

"Das sind beispielsweise Glukagon Rezeptor-Antgonisten. Die Entwicklung befindet sich derzeit in der Phase II der klinischen Prüfungen", so Leyck Dieken. Glukagon sei ein Hormon, das in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird und im Körper den Gegenspieler zum Insulin darstelle. Es steigere damit den Blutzuckerspiegel. Die neuen Wirksubstanzen sollten nun die Rezeptoren für das Glukagon blockieren. Es werde ausgeschüttet, wenn etwa zu wenig Zucker im Blut vorhanden sei. Könnte man die Rezeptoren für das Glukagon hemmen, würde das auf umgekehrten Weg wie bei der Gabe von Insulin den Blutzuckerspiegel senken. (APA)

Share if you care.