Das schnellste Haus von Mexiko

17. Oktober 2005, 14:22
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Das Dixi-Klo wird 30. Eine Firma im Ruhrgebiet hat es zu dem gemacht, was es ist: die meistvermietete Mobil-Latrine der Welt. Ein Designobjekt und nicht mehr wegzudenken

Wenn Rainer Besancon sein tägliches Geschäft erledigt hat, ist die Welt wieder gut 1,5 Kubikmeter Fäkalien los. Besancon, 45, hat heute den Inhalt von 35 Fäkalientanks mobiler Toiletten in den zylinderförmigen Tank hinten auf seinem LKW befördert. Auf dem Tank steht "Dixi". Der Servicetechniker Besancon ist Teil eines Imperiums. Es ist dabei, die Welt in ein Dixi-Land zu verwandeln. In diesem Jahr wird die Toilettenkabine Dixi 30. Dank des Toilettenweltmarktführers ADCO aus Ratingen im Ruhrgebiet stehen mittlerweile 130.000 mobile Büdchen in 26 Ländern der Erde. Auch in Österreich. Dixi, das ist ein Quadratmeter transportable Privatsphäre für den Augenblick, in dem der mobile Mensch schamhaft allein sein will.

Auch Fred Edwards wollte allein sein ...

Auch Fred Edwards wollte allein sein, damals, 1973. Zu lange hatte der US-Soldat bei Manövern in deutschen Landen auf Donnerbalken gesessen, dicht an dicht mit seinen Kameraden. Er schloss sich ein in seiner Garage in Velbert im Ruhrgebiet und schraubte Ur-Dixi zusammen. Dixi, das klang lustig, harmlos und nach Dixieland. Blaue Plastikwände, braune Tür, ein Urinal und ein Loch. Seitdem steht Dixi für das Toilettenhäuschen schlechthin.

Zehn Jahre war Fred Edwards der Mobiltoilettenmonopolist Europas. Bis Harald Müller 1983 in Wiesbaden "ToiToi" gründete und aus dem Gebrauchsgegenstand ein blau-weißes, sechseckiges Designerobjekt machte. Hart war der Kampf um die Exkremente, bis Dixi und ToiToi 1997 zu ADCO fusionierten. Edwards ging zurück nach Amerika, Müller wurde Chef der ADCO und damit der Toilettenkönig Europas. Müller, 55, raucht Davidoff, während er im Ratinger Hauptsitz der Firma an einigen Vorführtoiletten entlangstreift.

"Solch eine Toilette, das ist schon eine Wissenschaft."

Er klopft an die braune Tür einer Dixi: "Die hilft gut im Notfall, wenn im Stau der Kaffee drückt." Dann zieht er die Tür einer ToiToi auf, klappt den Deckel hoch, nimmt Platz auf dem Loch, breitet die Arme aus und meint weiter: "Solch eine Toilette, das ist schon eine Wissenschaft." An den Details zeigt sich Müllers Leidenschaft, sein Sinn für Form und Farbe. "Ich möchte mich mit schönen Dingen umgeben", lautet sein Kommentar. In seiner Toilette sitzt man auf einem Podest, so dass die Hosen nicht in den Dreck rutschen. Das Urinal ist nicht seitlich angeschraubt, sondern eingelassen in die Rückwand. Wer die Tür aufreißt, kann es nicht übersehen. "Man muss die Männer zum Urinal zwingen", meint Müller. Die Plastikwände tönen das Licht blau, denn "kalte Farben signalisieren Sauberkeit". Die Kanten sind abgeflacht, die Schrauben hinter Blenden verborgen.

"Ich bin kein Fäkalfetischist", sagt Müller, "ich decke Grundbedürfnisse ab." Jede Niederlassung bastelt heute am eigenen, regional wirksamen Klokonzentrat. Nur eines scheint sicher: Knoblauch zersetzt den Klostein. Und wenn es mufft, liegt das nicht an den angeblich verlotterten Sitten von Bauarbeitern. Dixi und die Baustelle. Das gehört nur noch scheinbar zusammen wie Pech und Schwefel. Schuld ist die Baukrise. Längst hat sich das Klohäuschen deshalb aufgemacht in die Welt. Die Ratinger Büdchen stehen heute im Kreml und auf dem Roten Platz. Mit 5000 Kabinen ging die weltgrößte Lieferung mobiler Toiletten im Jahr 2000 zum Heiligen Stuhl nach Rom, zu den 15. Katholischen Weltjugendtagen.

Dixi - der stille Ort für die ganze Welt

Es ist die Aufgabe des Lothar Vermillion, Dixi zum stillen Ort für die ganze Welt zu machen. ADCO-Geschäftsführer Vermillion, 57, ist wie Harald Müller seit 20 Jahren im Geschäft. Er sieht es prosaisch: "Wir müssen Mengen bewältigen." Früher hat Vermillion europaweit Autos vermietet. Doch eine Toilette ist etwas anderes. Sie ist ein Stück Kultur. Aus Vermillions Blickwinkel sind die Österreicher relativ anspruchslose Toilettengänger. Ihnen reicht die Freifallkabine. Spanier hingegen bestehen auf einen Sichtschutz unter der Brille. Briten wollen spülen. Japaner sitzen am liebsten mit dem Rücken zur Tür, Chinesen gern seitlich. Die größte Herausforderung für die globale Marke Dixi sind die ländlichen Gebiete einiger fremder Länder, wo man oft die linke Hand plus Wasser statt Toilettenpapier benutzt und auch lieber hockt als sitzt. Die Ratinger haben das nicht beachtet, als sie ihre Kabinen in die Türkei schickten, 1999, nach dem großen Erdbeben. Anstatt sich zu erleichtern, hielten die Leute auf den Latrinen lieber ein Nickerchen. Anders in Deutschland, Dixis Heimat. Dort weiß man einiges anzufangen mit den Mobilklos. Jedes Jahr werden rund 50 Kabinen geklaut. Verona Feldbusch ließ sich im Jahr 2000 ein Dixi-Klo in den Big-Brother-Container schleppen und versteigerte es anschließend für immerhin 12.000 Euro. Zwei "Plumpsklo-Entleerer" machten sich auf zum heiteren Beruferaten in der Fernsehshow "Was bin ich?".

Dixi ist immer gut für einen Lacher.

Das passt ins Konzept, und die Ratinger feilen mit am humorigen Image. Auf der Dixi-Homepage etwa kann man Fäkalienhaufen fangen, die an Fallschirmen zu Boden schweben. "So kriegt man ein Entree bei den Leuten", sagt ADCO-Marketingchefin Petra Kerkmann, 37. Scharf ist der Grad zwischen Humor und Obszönität, zwischen gesunder Freizügigkeit und billigem Schmuddelreflex, bewirbt man ein Produkt wie die mobile Toilette. Kerkmann zieht einige Exemplare des legendären Dixi-Kalenders aus ihrem Regal, blättert die farbigen Hochglanzseiten um. Nackte Frauen auf Baustellen, Gletschern, Motorrädern, und ganz im Hintergrund steht irgendwo ein Dixi-Klo. Seit zwölf Jahren verschenkt die Firma den Kalender an ihre Kunden, 55.000 Stück in diesem Jahr, Restposten gibt es nicht. Ein Exemplar brachte es sogar in die Harald-Schmidt-Show. Derweil setzt die Dixi-Kabine ihren Zug um die Welt fort. Das nächste Ziel der ADCO-Manager heißt Irak. (Der Standard/rondo/Christian Sywottek/19/9/2003)

  • Artikelbild
    foto: dixi-wc.de
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