Bärendienst des verhinderten Bullen

1. Oktober 2003, 21:17
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Über Nacht ist der Chef der Wall Street vom fleißigen Saubermann zur Verkörperung einer raffgierigen Finanzindustrie geworden

Über Nacht ist der Chef der New York Stock Exchange (NYSE) vom fleißigen Saubermann zur aktuellen Verkörperung einer raffgierigen und doppelgesichtigen Finanzindustrie geworden. Mit dem Skandal um Richard A. Grasso ist das Image der Börse schlechthin beschädigt.

Dabei ist alles so gut gelaufen. Legendär wurde Grasso durch die Wiedereröffnung des Handels am fünften Tag nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001: "America is back in business", rief der glatzköpfige kleine Mann mit der spitzen Stimme. Das brachte ihm bei Fortune den Beinamen "der Mann, der die New Yorker Börse rettete". Ein bescheidener, aufrechter Held inmitten einer Wirtschaftskrise, der sich seit 1968 vom einfachen NYSE-Mitarbeiter stromlinienförmig an die Spitze geschuftet hatte. Grasso kommt aus einfachen Verhältnissen und hätte Polizist - Bulle - werden sollen, war aber am Sehtest gescheitert.

Jetzt ist er tief gefallen: Die über Jahre angesammelten fast 140 Millionen Dollar Extrazahlungen zu einem Jahresgehalt von 1,4 Millionen Dollar im Jahr 2002, als die NYSE nur 28 Millionen Gewinn erwirtschaftete, dürften den letzten Ausschlag für ein jähes Ende seiner Karriere geben. Zum Vergleich: Notenbankchef Alan Greenspan verdient 171.000 Dollar jährlich.

Hinter der gewaltigen Stärkung von Grassos Brieftasche kommt - ein Jahr nach den Skandalpleiten der Bilanzfälscher Enron und Worldcom - ein riesiger Sumpf ins Visier des New Yorker Oberstaatsanwaltes Eliot Spitzer und der Börsenaufsicht SEC. Auch der US-Kongress ist eingeschaltet.

So stehen die geradezu mythischen, "Specialists" genannten Chefbroker der NYSE, die als Zwischenhändler Angebot und Nachfrage zwischen Aktienhändlern und Investoren vermitteln, im Fadenkreuz der SEC-Fahnder: Sie sollen Anteilsscheine mit Aufpreisen weitergereicht und ordentliche Profite eingesackt haben. Kundenbetrug, Bereicherung und Bilanzfälschung, so lauten auch die Anschuldigungen gegen die mächtige Fondsbranche, darunter Prudential, Janus und die Bank of America. Grasso muss sich fragen lassen, was er von all dem wusste - schließlich steht er seit acht Jahren an der NYSE-Spitze.

Dabei sonnte sich Grasso noch im Blitzlichtgewitter und verkündete, "wir beginnen eine neue Ära", als zehn mächtige Brokerfirmen zuletzt 1,4 Milliarden Dollar Strafe für die Irreführung ihrer Kunden zahlten. Deshalb und weil gerade er den Auswüchsen der New Economy so erbittert den Kampf angesagt hatte, werden dem 57-Jährigen die 140-Millionen-Dollar-Extrazahlungen, eine Mischung aus Pensionsbezügen und Sparbeträgen, nicht verziehen. Auch er, der Anständige, der nicht aus der Glitzerwelt kommt, hat also ganz legale Wege gefunden abzukassieren. (Karin Bauer, DER STANDARD Print-Ausgabe, 18.9.2003)

  • Richard A. Grasso
    grafik: der standard

    Richard A. Grasso

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