Neuer Disput um Erderwärmung

17. September 2003, 19:10
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Laut jüngsten Daten soll sich die Atmosphäre stärker aufheizen als die Erdoberfläche

London/Wien - Eine neuerliche Überprüfung alter Daten weist darauf hin, dass sich die Atmosphäre der Erde sogar noch schneller erwärmt als die Erdoberfläche. Diese Erkenntnis könnte gängige Modellvorstellungen der globalen Erwärmung stützen und einige Streitfragen klären, schreibt das britische Wissenschaftsmagazin Nature.

Nichts in den seit 1978 über Satelliten gewonnenen Temperaturdaten deutete bisher auf deutlichen Anstieg der Temperaturen in der Troposphäre hin, den untersten acht bis elf Kilometern der Atmosphäre. Die Temperaturen auf der Erdoberfläche stiegen aber im selben Zeitraum um 0,017 Grad Celsius pro Jahr. Diese Diskrepanz ließ bei einigen Klimaforschern Zweifel aufkommen, ob die Erderwärmung tatsächlich erfolgt.

Bei einer neuen Berechnung der Satellitendaten ermittelten Klimaforscher Konstantin Vinnikov und Physiker Norman Grody aus den USA nun einen Temperaturanstieg in der Troposphäre um 0,024 Grad Celsius jährlich - was die Erwärmung an der Oberfläche deutlich übersteigt.

"Wenn dieses Ergebnis von der Forschungsgemeinschaft anerkannt wird, könnte es das Gesamtbild verändern und wichtige Auswirkungen auf die öffentliche Meinung über die Emission von Treibhausgasen haben", analysiert das Journal. Die relativ kleine Gemeinschaft der Klimaforscher sei jedoch stark polarisiert: Ein Konsens scheine daher recht schwierig zu sein.

Das erste US-Forschungsteam, das die Satellitendaten vor gut zehn Jahren untersucht hatte, ermittelte nämlich eine leichte Temperatursenkung in der Troposphäre. Eine weitere Wissenschaftergruppe zeigte dann, dass die errechnete Abkühlung das Ergebnis eines Abflachens der Satellitenumlaufbahn war: Dadurch liegen Messinstrumente an der Unterseite näher zur Erde, und der Einfallswinkel der Sonnenstrahlen, die auf die Instrumente treffen, ändert sich und die Daten.

Nach entsprechender Korrektur wurde eine sehr leichte Erwärmung von nur 0,01 Grad Celsius pro Jahr ermittelt. Man einigte sich schließlich auf eine mehr oder weniger gleich bleibend Temperatur in der Troposphäre: Die Emission von Treibhausgasen müsste daher entweder stabil sein, oder aber die Gase hätten keinen all zu großen Treibhauseffekt. Die neuesten Daten widersprechen dieser These vehement, unterstützen aber eine andere Überlegung.

Als gefürchtetstes Treibhausgas schreibt nach wie vor Kohlendioxid Schlagzeilen. Dabei ist Wasser, der atmosphärische Wasserdampf, mit einem rund 60-prozentigen Anteil am Treibhauseffekt ein viel wichtigerer Faktor. Zwar beeinflusst der Mensch den Wasserkreislauf nicht direkt, erwärmt sich aber die Erde, durch menschliches Zutun, nimmt die Atmosphäre mehr Wasser auf. Denn warme Luft speichert mehr Wasser als kalte. Und dies verstärkt den Treibhauseffekt.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 9. 2003)

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