Privatinstitut für Thonetologie

17. September 2003, 18:52
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Sammlerporträt des Wieners Helmut W. Lang: Gepflegte Thonet-Leidenschaft seit drei Jahrzehnten

Olga Kronsteiner

Wien - "Bitte nicht Setzen" - ist hier in großen Lettern zu lesen. An sich benutzt Helmut W. Lang, passionierter und langjähriger Thonet-Sammler, die meisten seiner Stühle. So um die 80 sind es derzeit, verteilt auf zwei Wohnungen und ein Gartenhaus. Hier im 18. Bezirk sind es 270 Thonet-durchsetzte Quadratmeter. Aber ebendieser eine Stuhl will nur ideell besessen sein. Mit gutem Grund, ist er doch eines der frühesten Möbel von Michael Thonet überhaupt, entstanden um 1840 in Boppard am Rhein. Dort hatte der Gründer des späteren Bugholz-Imperiums seine erste Werkstatt.

Im Mai dieses Jahres erwarb er im Dorotheum das authentische Stück Firmengeschichte. Dieser Tage erhielt Lang zugehörige amtliche Post: Der Sessel wurde unter Denkmalschutz gestellt. Aber das stört den Direktor der Sammlung von Inkunabeln, alten und wertvollen Drucken in der Nationalbibliothek nicht im Geringsten.

Zu seiner Thonet-Leidenschaft kam Lang eher zufällig. Es galt die erste Wohnung der Tochter einzurichten. In einem legendären, mittlerweile leider geschlossenen Paradies für Antiquitätenfreaks wurde er fündig. Nahe des Karl-Marx-Hofes, beim "Guhrmann", gefüllt mit altem und jüngerem, mit Beichtstühlen, Kinosesseln, Kredenzen, Lampen, Geschirr etc. Lang fand sich in der "Sesselhalle" wieder und erwarb die ersten Bugholz-Sessel. Die quantitativen und qualitativen Ansprüche der Tochter waren befriedigt, der Vater mit dem Sammelbazillus befallen.

Von da an lief alles stereotyp: Recherchen in Archiven, Büchern und Katalogen, die Wohnung wurde zum Möbellager. Mittlerweile hat Lang ein Wissen, um das ihn so mancher Möbelexperte beneidet. Was ist Thonet, was nicht, das kann er aufgrund von Fertigungsmerkmalen hundertprozentig unterscheiden. Der für seine Sammlung festgelegte Zeitraum reicht bis 1865, "die industrielle Produktion hat mich nie interessiert, auch die Architektenentwürfe nach 1900 nicht".

Konsumverzicht

Als Sammler muss man sich eben be- und auch einschränken. Konsumverzicht ist das Stichwort, ein neun Jahre alter Ford Escort einer der Belege und 16 Exponate der Sammlung Lang im Hofmobiliendepot die lohnende Anerkennung. Seine Leidenschaft teilt er mit anderen "Thonetologen", wie sich die spezialisierte Elite nennt. Und das führt bisweilen zu kuriosen Situationen.

Vor ein paar Jahren besuchte ihn der deutsche Kollege Peter Ellenberg und entdeckte prompt "in meinem Jagdrevier, keine 300 Meter vom Josefsplatz entfernt" in einem kleinen Antiquitätengeschäft eine seltene Bopparder Bank. Lang verhandelte mehr als ein halbes Jahr. Bis er gemeinsam mit dem Entdecker die Rarität erwarb. In den folgenden Jahren wanderte das Stück zwischen Wien und Freiburg hin und her, bis man es an ein Museum verkaufte. Geduld gehört zu einer der wichtigsten Sammler-Tugenden - "drei Jahre passiert nichts und dann kommen innert 14 Tagen drei tolle Stücke". Aber das schönste Gefühl ist für Helmut W. Lang eindeutig "die Jagd nach den Objekten, das Prickeln beim Aufspüren und der erregende Moment des Erwerbens".

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