Pazifistische Erregung eines Dramenschreibers

24. September 2003, 00:26
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Harold Pinter geißelt die Kriegsmacht USA

Frankfurt/Main - In einer knapp 20-seitigen Broschüre unter dem unmissverständlichen Titel Krieg, die eben bei Rogner & Bernhard in deutscher Sprache erschienen ist, nimmt der britische Stardramatiker Harold Pinter (73) gegen die Weltmachtpolitik der USA in verknappten, lyrischen Gebilden Stellung.

"Es ist Totenstunde", hebt das erste Gedicht in der Form eines Epitaphs unter dem Titel Begegnung an, und fährt, mehr neu deutsch als neudeutsch, fort: "Die lang Toten schauen herüber zu/ Den neu Toten/ Die zugehen auf sie".

Pinters aktueller Beitrag zur Vanitas-Dichtung ist angelsächsisches Importgut. Regisseur Peter Zadek und Elisabeth Plessen haben acht Gedichte sowie eine Rede des Dramatikers, gehalten aus Anlass einer Ehrendoktorverleihung in Turin im November 2002, brühwarm ins Deutsche übertragen.

In einem Widmungsbrief grüßt das kämpferische Paar seinen "lieben Harold", dessen Tiraden "das heute heruntergekommene England an seine wahrhaft demokratische und humane Geschichte erinnern, uns alle daran erinnern, dass wir Teilnehmer an einem Verbrechen sind, das die Zukunft uns nicht verzeihen wird." Beziehungsvoller Nachsatz: "Denn wer nicht lauthals protestiert, ist mitschuldig."

Nachdem Pinter den US-Kriegsinterventionismus verdammt hat, betreibt er ohne viel Federlesens Demokratiekritik. Unter dem Titel Demokratie konnotiert der Dramatiker dasjenige, was man in der Nachfolge von John Heartfields Collagen die phallische Dimension kriegerischer Selbstermächtigung deuten könnte. Das dazugehörige Gedicht lautet: "Es gibt keinen Ausweg./ Die großen Schwänze sind raus./ Sie ficken alles in Sicht./ Pass hinten auf."

Die Botschaft ist klar: Wer keine Vorsicht übt, wird irgendwann das Nachsehen haben. Der "Alptraum von amerikanischer Hysterie, Ignoranz, Dummheit und Kriegführung", so Pinter in Turin, gebiert jenen Schrecken, dessen Penetrationsmacht sich am ehesten noch a tergo begreifen lässt. Wenn überhaupt. Denn: "Man kann keine Worte mehr finden/ Alles was bleibt, sind Bomben/ Die platzen aus unseren Köpfen ... .". So kommt der moderne Pazifismus auf die Bombe im eigenen, rot anlaufenden Erhitzungskopf. Die poetische Friedenssicherung: Sie ist zündungsbereit.
(DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2003)

Von Ronald Pohl
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