Spurensuche, Krimi und Klage

21. September 2003, 20:57
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Dennis Russell Davies beim Brucknerfest

Linz - "Mein Gott", mag Hans Richter zu Anton Bruckner gesagt haben, "das können Sie doch nicht machen! Dieses Intervall stimmt nicht, und auch jener Übergang ist viel zu abrupt, gar nicht logisch ..." Doch, Bruckner konnte. Und schuf mit der ersten Fassung seiner vierten Sinfonie einen Krimi von erlesener Spannung, den er später zwar sukzessive auf ein konsumables Agatha-Christie-Format glättete, dessen Originalversion sich heute jedoch zunehmender Beliebtheit erfreut.

So machte sich auch Dennis Russell Davies mit dem blendend disponierten Brucknerorchester auf Spurensuche. Und wie er das tat! Spürte mit der Lupe hinter polyphonen Linien her, die sich wieder verloren, holte mehr oder weniger versteckte Imitationen des Hornthemas ans Tageslicht, wies eindringlich auf den Fundort Scherzo hin, türmte Indiz auf Indiz und fasste schließlich den ganzen Prozess im triumphalen Erfolg zusammen.

Er vermied es, die dahinter liegenden Abgründe radikal auszuleuchten, ließ aber viele davon erahnen. Man kann sich gut vorstellen, wie entsetzt ein Harmonielehrer 1874 den Blick von der Partitur wandte - heute löst dieselbe Begeisterungsstürme aus, weil ihre Realisierung für die Zuhörer immer noch einer Expedition in unbekanntes Terrain gleicht.

Trauerflor

Giya Kanchelis 1990 entstandener Trauergesang für Bratsche und großes Orchester, Vom Winde beweint, nimmt sich dagegen wie ein naiv gefertigter Trauerflor aus. Dennoch entfaltet das Werk des Georgiers einen emotionalen Sog, aus dem kein Entrinnen möglich scheint: Wer eintaucht in diese eigene Welt von einfachster Tonalität und Diatonik, könnte ohne Anfang und Ende darin verweilen. Eine zeitlose, kontemplative und stille Klage, in die seltene, dann aber schreiende Eruptionen einbrechen. Eine Gegenwelt zu Tempo, Macht und Ratio, aber weit entfernt von aufgesetzter westlicher Esoterik. Juri Bashmet, für den Kancheli das Stück schrieb, sorgte mit Russell Davies und dem Brucknerorchester für beklemmende Stille im Saal, die sich erst Sekunden nach dem Ende in Jubel auflöste.

Atemlose Spannung, atemlose Stille: auch eine perfekte Programmierung des Abends. Wer es überprüfen will, kann es am 3. Oktober um 19.30 auf Ö1 tun. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2003)

Von
Reinhard Kannonier
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