Der Schachzug mit Zilk

23. September 2003, 17:58
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Wolfgang Schüssel mag prominente Pensionisten - von Eva Linsinger

Wolfgang Schüssel mag prominente Pensionisten. Zumindest, wenn es um heikle Aufgaben geht - die überantwortet der Kanzler gern honorigen Personen reifen Alters. Für die Verhandlungen zur Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern rief er die 71-jährige Ex-Nationalbankpräsidentin Maria Schaumayer aus dem Ruhestand zurück, die ORF-Reform ließ er von Urgesteinen wie dem 77-jährigen Gerd Bacher vorbereiten. Bei Schaumayer war der Schachzug, umstrittenen Themen durch Promis den Sprengstoff zu nehmen und aus dem Hickhack herauszuhalten, erfolgreich. Bei Bacher eher nicht, die ORF-Reform blieb in der Koalition umkämpft.

Nun setzt der Kanzler auch bei der Reform des Bundesheeres auf einen Promipensionisten - und Helmut Zilk an die Spitze der Reformkommission. Eines hat er mit dieser Reaktivierung sofort erreicht: Die Heeresreform, eigentlich kein Gassenhauer, bekommt durch den polternden Medienkünstler Zilk eine Aufmerksamkeit, die ihr unter dem Vorsitz eines gediegenen Militärexperten wohl verwehrt geblieben wäre.

Aber auch abgesehen vom PR-Faktor durch die One-Man-Show Zilk ist die Berufung des Wiener Altbürgermeisters ein cleverer Trick der schwarz-blauen Koalition. Macht sie doch die Heeresreform teilweise gegen Kritik aus der Opposition immun: Die SPÖ wird sich weit schwerer tun, die Reform in Grund und Boden zu verdammen, wenn mit Zilk einer aus ihren Reihen an der Spitze der Reformkommission steht. Diese Beißhemmung wurde gleich nach der Inthronisierung Zilks deutlich - als SPÖ-Klubchef Josef Cap seit langer Zeit wieder etwas Lobenswertes am Heer fand. Zu gewinnen hat die SPÖ durch die Berufung Zilks hingegen wenig: Wird die Reform ein Erfolg, wird ihn Schüssel für sich reklamieren - wird sie ein Misserfolg, ist mit Zilk ein Roter an allem schuld.

Für Schüssel eine Win-Win-Situation. Die zudem den angenehmen Nebeneffekt hat, dass Zilk als langjähriger Ombudsmann der Kronen Zeitung und als Hausfreund von News das Wohlwollen großer Medien garantiert. Die Abfangjäger, gegen die Zilk und Krone sind, sollen dabei nicht stören - sind sie doch ausdrücklich kein Thema für die Heereskommission.

Angesichts so vieler Vorteile fällt für die Koalition kaum ins Gewicht, dass Zilk bisher nicht gerade mit militärischer Expertise aufgefallen ist. Konkrete Lösungen, wie die Heeresverwaltung verschlankt, der Wehrdienst verkürzt und das Heer für internationale Einsätze fit gemacht wird, werden schon die Experten in der Kommission liefern. Zilk kann sich auf das konzentrieren, was er am besten beherrscht: die Debatte moderieren und an die breite Öffentlichkeit tragen.

Falls Zilk gewillt ist, sich darauf zu beschränken. Denn in der unberechenbaren Persönlichkeit Zilks liegt der einzige Unsicherheitsfaktor in Schüssels Masterplan. Zilk ist ein Querkopf und ein Querredner, rote Parteifreunde können ein Lied davon singen. Mit ihm könnte auch Schüssel allerlei Überraschungen erleben - die beim Schachzug Zilk nicht einkalkuliert waren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.9.2003)

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