Als die Bilder flackern lernten

29. September 2003, 21:04
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Eigenwillige Kuratorenblicke bei der Kunstbiennale von Lyon: Bruno Gironcoli, Franz West und Florian Pumhösl sind Gast

Auf der bis Jänner laufenden Kunstbiennale in Lyon regiert der eigenwillige Blick einer verschworenen Gemeinde von Kuratoren: Die jüngste Kunst nimmt Anleihen bei der Tradition. Immerhin kommen Bruno Gironcoli, Franz West und Florian Pumhösl zur Geltung.


Österreich ist auf der siebenten Lyoner Kunstbiennale ("Biennale d'art contemporain de Lyon"), die bis zum 4. Jänner an fünf verschiedenen Orten in Lyon zu sehen ist, repräsentativ vertreten. Drei Künstler aus drei Generationen, Bruno Gironcoli (geb. 1936), Franz West (geb. 1947) und Florian Pumhösl (geb. 1971), werden dem internationalen Publikum näher gebracht.

Gironcoli, trotz der Bespielung des Österreich-Pavillons auf der venezianischen Kunstbiennale in Frankreich weit gehend unbekannt, wird in einem Saal mit zwei Metallskulpturen und Gemälden präsentiert, die sich mit Werken von Franz West (Skulp^turen, Sesselinstallation und Gemälde) zum harmonischen Ganzen fügen: was insgesamt einen der gelungensten Säle der Lyoner Biennale ergibt.

Weitere West-Gemälde sowie einen historischen Tisch (Poster Design [Akzidenzien], 2003, Sisyphos, O.T. [Sisyphos], 2002, O.T. [Table Red], 1991) gibt es im Nachbarsaal zu sehen. Zehn Blätter mit Gironcolis Zeichnungen/Malereien, beginnend mit einer Arbeit von 1964 (Entwurf zu Verwendbarem Gegenstand), ergänzt durch Blätter von 1989/91, wurden von der Innsbrucker Galerie Thoman zur Verfügung gestellt.

Florian Pumhösls Video^installation mit fünf Projektoren, in der sich Farbkonstellationen wie Steinformationen langsam verändern, ergänzt den Österreich-Aspekt in Lyon. Und Wien ist indirekt nochmals vertreten, denn eine monumentale Installation von Mike Kelley und Paul McCarthy, Sod & Sodie Suck, wurde 1999 in der Secession gezeigt:

In mehreren übel riechenden Militärzelten trifft man auf Lehmformen. Auf Filmleinwänden wird man mit groteskem Militärdrill konfrontiert und beobachtet maskierte Soldaten, wie sie Wiener Margarine zu Beuysschen Fettbergen anhäufen. Ein von den Besuchern als "irritierend" qualifiziertes Werk, das heftige Reaktionen auslöst.

Was man von der siebten Biennale insgesamt nicht behaupten kann: Sie ist langweilig, unpädagogisch, kaltschnäuzig, zu sehr auf formalistische Werke ausgerichtet oder möchte mit Pseudopornografie provoziere.

Die fünf Kuratoren, die Biennaleleiter Thierry Raspail diesmal aussuchte, das Dijoner Consortium (Xavier Dou 4. Spalte roux, Franck Gautherot, Eric Troncy), ergänzt durch die freien Kunsthistoriker Anne Pontégnie (Brüssel) und Robert Nickas (New York), haben weder ein Thema noch ein Konzept gewählt, sondern nur einen Titel als Leitfaden: "C'est arrivé demain" ("Es geschah morgen"). Dies ist der Titel eines Films von René Clair: Ein Journalist findet jeden Morgen die Zeitung vom nächsten Tag, wird zum erfolgreichen Schreiber – bis er seinen eigenen Nachruf liest.

Die Kuratoren evozieren mit diesem Titel die Filmstadt ^Lyon, wo die Brüder Lumière die siebente Kunstform erfanden, und untermauern damit ihre Idee, Kunstströmungen aus den 60er- und 70er-Jahren zu präsentieren. Der Film markiert auch die Präsentation. Zu Beginn des Parcours in der Sucrière (einem am Saône- Ufer gelegenen, für die Biennale restrukturierten ehemaligen Zuckerlager) grüßt eine Auftragsarbeit von Vito Acconci: gebogene Leinwände, auf die Experimentalfilme von Len Lye (1900–1980) aus den 50ern projiziert werden.

Historischer Blick

Ein netter, historischer Einfall, nichts weiter. In Abwesenheit eines Katalogs muss man sich in einem kleinen Heftchen informieren, um herauszufinden, von wem die gezeigten Werke sind. Das heißt, die – in Kunstkreisen ironisch als "Ayatollas aus Dijon" bezeichneten – Kuratoren bevorzugen Besucher, die aus dem zeitgenössischen Kunstserail kommen und die Werke bereits kennen. Da sie aber auch kalt-formalistische Ansätze wie die der Bildhauer Gary Webb, Dan Coombs oder Robert Grosvenor zeigen, benötigt man viel Energie und Zeit für die Auseinandersetzung mit den Werken.

Als Tendenzen, die sich in Lyon abzeichnen, kann die Imitation von Natur, der (oft damit verbundene) Kitsch, die Verwendung von Neonröhren als Primärmaterial oder die Wiederaufnahme der Malerei der 60er-Jahre gelten.

Piero Gilardi baute einen bacchantischen Iglu-Raum mit Weinreben aus Kunststoff, die aus gummiartigen Steinhaufen wachsen und sich zu elektronischer Musik drehen: sich öffnen, um ihre Trauben zu zeigen, mit den Blättern wackeln. Dazu sieht man ein Weintrauben-Video am Iglu- Plafond. Giuseppe Gabellone hat mit Pianta ein grün bemaltes Ziegelquadrat gebaut, in dessen Mitte eine steinerne Grünpflanze thront. Didier Marcel platziert Zypressen aus grünem oder bordeauxrotem Samt, die sich um die eigene Achse drehen, rund um ein Auto.

Die Neon-Fraktion wird von Carsten Höller angeführt, der einen begehbaren Neonkäfig (Neon Circle, 2001) anbietet. Claude Lévêque taucht einen Riesensaal in rosa Neonlicht, wo zu Walzerklängen rosa Tücher (durch Ventilatoren bewegt) wehen.

Sie führen zu einem vier mal zweieinhalb Meter hohen orangen Damenschuh, der an Galas Schuh erinnert, den Salvador Dali zur fetischistischen Ikone erhob. Lustbetonte, die Wahrnehmung verändernde Rauminstallationen, darunter eine mit Neonröhren, bietet die Japanerin Yayo Kusama, die das Consortium bereits in Wien zeigte und in Lyon mit mehreren Aufträgen bedachte.

Dass sie diese in den 60er- Jahren mit ihren Happening- Videos und Körperbemalungen erfolgreiche Künstlerin wiederentdeckten, ist ein Verdienst der strengen Consortium-Herren. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2003)

Olga Grimm-Weissert aus Lyon

Link

biennale-de-lyon.org

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